ZUR PERSON

Generalsekretär Msgr. Georg Austen

Generalsekretär Monsignore Georg Austen

 

INTERVIEW

Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken, über christliche Hoffnung während der Corona-Pandemie, über Kirche sein in der Diaspora und über den bundesweiten Diaspora-Sonntag am 15. November 2020. Das Interview führte Patrick Kleibold.


In Zeiten der Corona-Pandemie erweist sich gerade die Hoffnung als lebenswichtig. Wie treffend, dass die Diaspora-Aktion in diesem Jahr unter dem Leitwort „Werde Hoffnungsträger“ steht.

Monsignore Austen: „Da haben Sie Recht. Bei der Entscheidung für dieses Leitwort war nicht vorauszusehen, wie prophetisch es sich erweisen würde. Für uns Christen ist die Hoffnung ein grundlegender Wesensvollzug. Hoffnung ist existenzrelevant für den Menschen, wie die Atemluft. Christliche Hoffnung ist verankert in der Botschaft des Evangeliums und atmet den Geist der Befreiung. Mit dem Leitwort der Diaspora-Aktion „Werde Hoffnungsträger“ laden wir dazu ein, diese Zuversicht in die Welt zu tragen. Somit ist der Auftrag der Kirche nicht nur für ein System relevant zu sein, sondern existenzrelevant für den Menschen.“

Wie versuchen sie dieses Leitwort mit Leben zu füllen?

Monsignore Austen: „Christliche Hoffnung heißt, sich aktiv für ein besseres Heute einzusetzen, ohne den Blick auf das Ewige zu verlieren. Es geht darum unsere Hoffnung weiterzutragen und konkrete erfahrbare Hoffnungszeichen zu setzen, in dem wir andere und uns selbst dazu ermutigen, zu Hoffnungsträgern für unsere Mitmenschen zu werden. Und wenn wir genau hinsehen, finden wir an vielen Orten solche Menschen, die bereits jetzt diese wichtige Rolle als Hoffnungsträger für andere eingenommen haben. Gerade in der Diaspora ist es wichtig, Menschen in ihrem Engagement zu unterstützen, damit die Frohe Botschaft des Evangeliums spürbar wird. Konkret sind wir alle aufgefordert, von der Hoffnung zu sprechen, die uns selbst erfüllt.“

Alle gesellschaftlichen und damit auch kirchlichen Bereiche sind von der Corona-Pandemie betroffen. Was bedeutet das für das Glaubensleben?

Monsignore Austen: „Die Corona-Pandemie hat meines Erachtens eine neue Dimension, ja sogar ein Novum geschaffen. Wir alle erleben derzeit ein bisschen, wie es sich wohl anfühlen mag, in der Diaspora zu leben. Vereinzelt, zerstreut, ohne die Möglichkeit in einer großen Gemeinschaft Gottesdienst zu feiern, sich zu treffen um zu singen und gemeinsam zu beten. Aber das heißt nicht, dass wir alleine glauben. Vielmehr sind wir als Glaubensgemeinschaft über alle Grenzen und alles trennende hinaus im Gebet miteinander verbunden. Die Diasporaerfahrung trennt uns nicht, sie bringt uns nicht auseinander, sie schweißt uns tiefer im Glauben zusammen. Trotzdem ist es auf Dauer nicht gut, wenn der Mensch allein ist. Wir sind soziale Wesen, die gerade durch die Beziehungen zueinander geprägt sind und auch daraus Kraft für die Herausforderungen des Alltags ziehen. Ich persönlich habe für mich aus diesem bisherigen Jahr mitgenommen, dass unsere Kirche nicht für jeden systemrelavant zu sein scheint, jedoch ist unsere Kirche, unser Glauben meines Erachtens existenzrelevant für die Menschen.“

Vor welchen Herausforderungen steht aktuell das Bonifatiuswerk?

Monsignore Austen: „Wie auch alle anderen Hilfswerke spüren wir als Bonifatiuswerk die Auswirkungen sehr unmittelbar. Bisher zeichnet sich ein deutlicher Rückgang unserer Kollektengelder durch ausgefallene oder verschobene Erstkommunion- und Firmfeiern ab und dadurch, dass nur eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen die Gottesdienste besuchen können, befürchten wir auch einen Rückgang der Spenden zum Diaspora-Sonntag. Daher richte ich meine Bitte an alle, die uns in den vergangenen Jahren solidarisch unterstützt haben, helft uns auch in diesem Jahr. Sollten Sie nicht zum Gottesdienst in die Kirche gehen können, so gibt es auch Möglichkeiten der Online-Spende. Nicht nur wir, sondern vor allem unsere Projektpartner sind Ihnen sehr dankbar dafür."

Können Sie uns ein Beispielprojekt nennen, das in diesem Jahr auf die Spenden aus der Diaspora-Aktion angewiesen ist?

Monsignore Austen: „Trotz Corona geht die Arbeit in unseren Hilfsprojekten weiter. Zudem gibt es pastorale und soziale Projekte, die gerade in dieser herausfordernden Zeit Menschen auf unterschiedliche Weise unterstützen, die wir fördern konnten. Viele Menschen sind auf unsere Solidarität angewiesen, so auch die Kinder und Jugendlichen des Kinder- und Jugendzentrums Don Bosco in Magdeburg. Das Zentrum bietet Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 27 Jahren einen „Anker der Hoffnung“. Hier stehen ihnen die Don Bosco Schwestern zur Seite. Sie hören zu, ermutigen, schenken Begleitung, Bildung und Beheimatung und möchten so dazu beitragen, dass das Leben gelingt – egal aus welchem sozialen Kontext die jungen Besucher stammen. Dafür gibt es ein breites Angebot an Freizeitaktivitäten, Hilfen bei Hausaufgaben, gemeinsames Kochen und bei größeren Problemen ein Beratungsangebot.“

Was wünschen Sie Sich persönlich für die Diaspora-Aktion in diesem Jahr?

Monsignore Austen: „Das wir erkennen, dass es auch in den bewegten und belasteten Zeiten unserer Kirche vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern gibt, die aus der Zuversicht des Glaubens heraus leben und handeln. Zugleich wünsche ich mich mir, dass uns möglichst viele Menschen am bundesweiten Diaspora-Sonntag unterstützen und wir als Bonifatiuswerk auch weiterhin den Menschen in den Diasporaregionen finanziell und ideell zur Seite stehen können.“

ZUR VITA

Werdegang von Msgr. Georg Austen

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Georg Austen wuchs in Brenken, einem Ortsteil der ostwestfälischen Stadt Büren, auf. Nach seinem Abitur im Jahr 1978 am Mauritius Gymnasium in Büren studierte er Katholische Theologie in Paderborn und München. Anschließend absolvierte er in den Jahren 1985 und 1986 sein Diakonat in der Gemeinde St. Johannes Baptist und in der Justizvollzugsanstalt in Herford. Am 16. Mai 1986 empfing er in Paderborn das Sakrament der Priesterweihe. Anschließend war er als Vikar in der Pfarrei St. Marien in Fröndenberg, als Pfarradministrator in der Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Siddinghausen und in der Kirchengemeinde St. Michael in Weine eingesetzt.

Zudem war er Diözesanpräses der Katholischen Landjugendbewegung und von 1996 bis 2002 Diözesanseelsorger des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Paderborn sowie Studentenpfarrer und Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Paderborn.

Als Sekretär des XX. Weltjugendtages der Deutschen Bischofskonferenz in Köln war Austen in den Jahren 2002 bis Juli 2006 maßgeblich an der Vorbereitung des katholischen Großereignisses im Jahr 2005 beteiligt. Er verantwortete die pastorale Vor- und Nachbereitung des Weltjugendtages, die Tage der Begegnung mit dem Tag des sozialen Engagements in allen deutschen (Erz-)Bistümern, das Kultur- und Jugendfestival beim Weltjugendtag in Köln sowie den Pilgerweg des Weltjugendtagskreuzes durch Europa und Deutschland.

Im Anschluss an den XX. Weltjugendtag verbrachte Austen für persönliche Fortbildungen einige Monate in New York City und in Schweden. Nach seiner Rückkehr wurde er im selben Jahr Geschäftsführer der Steuerungsgruppe "Perspektive 2014" im Erzbistum Paderborn.

Seit März 2008 ist Georg Austen Generalsekretär und Hauptgeschäftsführer des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken sowie Geschäftsführer des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe/Diasporahilfe der Priester. Im Jahr 2019 wurde Austen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Die zweite Amtszeit begann am 1. März 2020.

Im Mai 2008 ernannte Papst Papst Benedikt XVI. Austen zum päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore) und berief ihn im Dezember 2011 ins Konsultoren-Kollegium des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Austen ist Berater in der Unterkommission für Missionsfragen der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Mitglied in der Konferenz Weltkirche sowie im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Austen engagiert sich für den Dialog und die solidarische Zusammenarbeit in der Weltkirche sowie für Randgruppen, beispielsweise in der Gefängnisarbeit, und setzt sich für junge Menschen ein. Hierfür gründete er 2011 die „Georg Austen Stiftung Solidarität“ mit der Zielsetzung Werte zu vermitteln, den Glauben zu entdecken und die Persönlichkeit zu fördern. Durch entsprechende Projektförderung soll Kindern und Jugendlichen geholfen werden, ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken, Lebenskrisen zu überwinden, den Sinn für solidarisches Handeln zu fördern und nicht zuletzt, eine Orientierung und Zuversicht aus dem christlichen Glauben zu erfahren.

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit ernannte Papst Franziskus am 10. Februar 2016 Austen zum "Missionar der Barmherzigkeit".

Austen ist es ein wichtiges Anliegen – in Kooperation mit nationalen und internationalen Künstlern und Veranstaltern von Großereignissen – Berührungspunkte mit Themen der Kunst, der Kultur und der Kirche zu schaffen, um so auch einen Dialog mit Andersdenkenden und -glaubenden anzuregen. So konnten bereits bundesweite Konzertreihen, Benefizveranstaltungen, Buchprojekte und Kunstausstellungen organisiert werden. Die Erlöse kommen sozial-caritativen Projekten zugute. In den Jahren 2017 und 2018 konnten zwei Kunstausstellungen unter dem Titel „Udos 10 Gebote“ mit Bildern des Sängers Udo Lindenberg in der Gaukirche in Paderborn und in der Überwasserkirche in Münster realisiert werden. In Kooperation mit Michael Patrick Kelly kam es zu zwei Konzertreihen („Agape-Tour“ im Jahr 2012 und „Ruah-Tour“ im Jahr 2016) durch mehrere Kirchen und Dome im deutschsprachigen Raum. Im Zuge der Nikolausaktion des Bonifatiuswerkes unter dem Titel „Weihnachtsmannfreien Zone“ gibt es seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Sängerin Maite Kelly. Zu weiteren Kooperationen kam es unter anderem mit der Sängerin Kathy Kelly, dem Tenor Juan del Bosco und der Gospelsängerin Carla A. Harris aus New York, der Sängerin Judy Bailey, der Straßenmusikerin Simone Oberstein und der Rügener Künstlerin Sylvia Vandermeer.

KURZ NACHGEFRAGT

bei Monsignore Georg Austen

Als Generalsekretär des Bonifatiuswerkes ist es mein Anliegen …

… gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu beizutragen, Gott in der Welt einen Ort zu sichern und dem Glauben an ihn Räume zu öffnen. Denn: Keiner soll alleine glauben.
 

Unter "Diaspora" verstehe ich …

… eine Kirche von innen für draußen, eine Kirche die alle Christinnen und Christen – egal wo – in den Blick nimmt, damit sie auskunfts- und dialogfähig gegenüber Andersdenkenden und –glaubenden sind.
 

Missionare des 21. Jahrhunderts – das sind für mich …

… Menschen, die aus dem christlichen Geist heraus heraus die Welt aktiv mitgestalten und für ihre Überzeugungen einstehen, aber auch Grenzgänger und Wegbereiter sind.
 

Wenn ich an die Kirche von morgen denke, dann …

… hoffe ich, dass bei allen Veränderungen und Strukturfragen immer die Pastoral und die Sorge um die Menschen im Vordergrund stehen und damit die Botschaft Jesu als „Frohe Botschaft“ erfahren wird. Eine Kirche die als Weltkirche denkt und sich für die Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Menschenwürde wie für den Frieden einsetzt.
 

Meine liebste Bibelstelle lautet…
 

… „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17).
 

Eigenschaften, die ich besonders schätze, sind…
 

…Verlässlichkeit und Ehrlichkeit.
 

Sprachlos machen mich…

… Kleingläubigkeit, Unflexibilität und Situationen, die erdrückend und belastend für Menschen sind und die auf den ersten Blick nicht verändert werden können.
 

Ich könnte nicht leben ohne…

… Beziehungen zu lieben Menschen und ohne eine Orientierung aus dem Glauben für mein Leben.