ZUR PERSON

GENERALSEKRETÄR MSGR. GEORG AUSTEN

Generalsekretär Monsignore Georg Austen

 

INTERVIEW

Bonifatiuswerk-Generalsektretär Monsignore Georg Austen über die Diaspora in Deutschland, die Zukunft des Glaubens und über die persönliche Verantwortung eines jeden Christen


Papst Franziskus hat aktuell alle Getauften dazu aufgerufen, selbst als Missionare tätig zu werden. Was bedeutet das für jeden einzelnen konkret?

Austen: „Wir dürfen nicht ausschließlich über die Fehlentwicklungen in unserer Kirche – die dringend anzugehen sind – jammern und nur um uns selbst kreisen. Vielmehr müssen wir schnellstmöglich unser Schneckenhaus verlassen. Denn als Christen haben wir den Auftrag uns aktiv einzumischen. Es ist unsere Aufgabe die Frohe Botschaft in die Gesellschaft zu tragen. Das Evangelium ist unser Kern und Markenzeichen. Und diese Botschaft ist es wert, gehört zu werden. Papst Franziskus fordert uns dazu auf, mutiger zu sein. Wir sollten wieder mehr für das einstehen und darüber sprechen, was wir im Herzen tragen, nämlich die Liebe Gottes zu uns Menschen.“

Das klingt einfach. Doch immer mehr Christen trauen sich nicht, mit anderen über ihren Glauben zu sprechen. Was muss geschehen?

Austen: „Das ist leider so. Und genau an dieser Stelle sollten wir ansetzen. Als Christen brauchen wir eine neue Form der Selbstvergewisserung, neues Selbstvertrauen, um öffentlich für unseren Glauben einzustehen, und die notwendige Sprachfähigkeit über die Inhalte unseres Glaubens. Dieser Dreischritt ist nicht einfach, doch wenn er gelingt, habe ich keine Angst vor der Zukunft unseres Glaubens. Es kommt nicht auf die Anzahl der Christen in unserer Gesellschaft an, sondern darauf, wie wir uns einbringen und was wir für alle an wertvollem zu sagen haben. Ebenso sollten wir ungewohnte Orte und Menschen außerhalb gewohnter Strukturen besuchen. Auch dort begegnen wir dem Wirken Gottes und können voneinander lernen und gemeinsam die Fragen des Lebens angehen.“

Wer muss sich ändern? Die Gläubigen oder die Kirche? Schließlich ist allen bewusst, dass viele Gläubige aus Enttäuschung über die Institution Kirche der selbigen den Rücken kehren?

Austen: „Wie immer im Leben geht es um Vertrauen – um Vertrauen in eine institutionelle Gemeinschaft, um Vertrauen in die Menschen. Unser Ziel muss es sein, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Herausgefordert sind natürlich die Verantwortungsträger auf allen Ebenen. Zudem müssen wir unser Profil schärfen. Dazu brauchen wir eine offene und ehrliche Kommunikation. Floskeln helfen nicht. Worten sollten Taten folgen, damit der Grundauftrag, dem Evangelium heute ein Gesicht zu geben, wieder mehr im Mittelpunkt unseres Handelns steht. Das gilt für jeden einzelnen Christen. Durch Taufe und Firmung sind wir befähigt und beauftragt mit unseren Gaben und Fertigkeiten am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken.“

Was kann uns dabei helfen, wo finden wir mutmachende Beispiele?

Austen: „Ein Blick auf die deutschen Diasporaregionen kann hilfreich sein. Dort habe ich viele engagierte Menschen und beeindruckende Projekte kennengelernt. An vielen Orten erlebe ich immer wieder, wie Menschen aus dem Glauben handeln ihn nicht hinter den Mauern ihrer eigenen vier Wände verstecken. Diese Menschen können ein Vorbild sein. Wenn wir nur genau hinsehen, finden wir eine ganze Reihe solcher Mut machender Beispiele. Positiv stimmt mich auch der „Bonifatiuspreis für missionarisches Handeln in Deutschland“, den wir in diesem Jahr zum sechsten Mal verleihen. Aus allen 27 (Erz-)Diözesen Deutschlands haben wir insgesamt 220 Bewerbungen von engagierten Menschen und Initiativen erhalten, denen die Weitergabe des Glaubens ein sehr wichtigste Anliegen ist. Während unserer Diaspora-Aktionseröffnung am ersten Novemberwochenende werden wir die Preisträger auszeichnen.“

Gleichzeitig feiert das Bonifatiuswerk in diesem Jahr seinen 170. Geburtstag. Was bedeutet dieses Jubiläum?

Austen: „Erst einmal ist dieses Jubiläum für uns ein Anlass innezuhalten, um einen Blick in Dankbarkeit auf die Wurzeln unseres Hilfswerkes zu werfen, das zu den ältesten in Deutschland gehört. 170 Jahre Solidarität mit den Katholiken in der Diaspora, das bedeutet eine lange Tradition. Wir stehen in einer großen Geschichte, die geprägt ist durch das uneigennützige Handeln von engagierten Katholiken. Natürlich besinnen wir uns auch auf den Heiligen Bonifatius, nach dem unser Hilfswerk benannt ist. Seiner Tradition folgend, möchten wir unseren Glauben in der Gesellschaft zur Sprache bringen sowie die Frage nach Gott in Gegenwart und Zukunft wachhalten. Zugleich möchten wir uns bei all denjenigen bedanken, die uns auf unserem Weg unterstützt haben und unterstützen, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.“

Welche Bedeutung hat das Hilfswerk für die Kirchenlandschaft in seinen Förderregionen?

Austen: „Die Bedeutung unseres Hilfswerkes zeigt sich meines Erachtens am besten an der Vielzahl von Projekten, die wir gefördert haben und derzeit fördern. Seit 1949 wurden mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten in unseren Förderregionen in Deutschland, in Nordeuropa und in Estland und Lettland unterstützt. In Ostdeutschland finden wir vermutlich kein Kirchengebäude, das nicht vom Bonifatiuswerk gefördert wurde. Ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung sind unsere rapsgelben BONI-Busse, von denen circa 600 in den Diasporaregionen unterwegs sind. Oder schauen sie auf die Kinder- und Jugendhilfe. Jährlich unterstützen wir katholische Kindertageseinrichtungen in Ostdeutschland mit 550.000 Euro und die Religiösen Kinderwochen mit 420.000 Euro. Gerade auch in den Zeiten der beiden Weltkriege und des Sozialismus konnten wertvolle Brücken der Nächstenliebe geschlagen und Beziehungen in die Diasporaregionen geknüpft werden.“

Wie reagiert das Bonifatiuswerk auf die sich verändernde Diasporasituation?

Austen: „Wir analysieren natürlich, wie sich unsere Kirchenlandschaft verändert. Wir stecken in einem kontinuierlichen Prozess, in dem wir unsere inhaltliche Arbeit und unsere Abläufe hinterfragen und immer wieder mit den Verantwortungsträgern in den Diözesen abstimmen. Im Jahr 2013 haben wir die Glaubenshilfe als vierte Hilfsart eingeführt. „Als Hilfswerk für den Glauben“ fördern wir seit dem missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit erstmals auch in katholischen Regionen. Mit der Förderung von missionarisch ausgerichteten Personalstellen wollen wir auch Menschen ansprechen, denen der Glaube fremd ist und ihnen so einen Zugang zu den Inhalten des Glaubens ermöglichen. Im Gegenzug können wir auch aus den verschiedenen Lebenswelten der Menschen lernen. Mit unseren Materialien zur Erstkommunion und zur Firmung möchten wir u.a. die Gemeinden in ganz Deutschland unterstützen, damit Kinder und junge Menschen positiven Erfahrungen in und mit unserer Kirche machen. Ein weiterer Ansatz ist unserer Praktikantenprogramm „Praktikum im Norden“, das jährlich bis zu 20 jungen Leuten ein Praktikum in der Kirche in Nordeuropa oder im Baltikum ermöglicht.“

Was wünschen Sie Sich persönlich für die Diaspora-Aktion in diesem Jahr?

Austen: „Das wir erkennen, dass es auch in den bewegten und belasteten Zeiten unserer Kirche vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern gibt, die aus der Zuversicht des Glaubens heraus leben und handeln. Zugleich wünsche ich mich mir, dass uns möglichst viele Menschen am bundesweiten Diaspora-Sonntag am 17. November 2019 unterstützen und wir als Bonifatiuswerk auch weiterhin den Menschen in den Diasporaregionen finanziell und ideell zur Seite stehen können, in der Gewissheit, dass wir mit Gottes Segen zum Segen für andere werden.“

ZUR VITA

Werdegang von Msgr. Georg Austen


Georg Austen wuchs in Brenken, einem Ortsteil der ostwestfälischen Stadt Büren, auf. Nach seinem Abitur im Jahr 1978 am Mauritius Gymnasium in Büren studierte er Katholische Theologie in Paderborn und München. Anschließend absolvierte er in den Jahren 1985 und 1986 sein Diakonat in der Gemeinde St. Johannes Baptist und in der Justizvollzugsanstalt in Herford. Am 16. Mai 1986 empfing er in Paderborn das Sakrament der Priesterweihe. Anschließend war er als Vikar in der Pfarrei St. Marien in Fröndenberg, als Pfarradministrator in der Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Siddinghausen und in der Kirchengemeinde St. Michael in Weine eingesetzt.

Zudem war er Diözesanpräses der Katholischen Landjugendbewegung und von 1996 bis 2002 Diözesanseelsorger des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Paderborn sowie Studentenpfarrer und Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Paderborn.

Als Sekretär des XX. Weltjugendtages der Deutschen Bischofskonferenz in Köln war Austen in den Jahren 2002 bis Juli 2006 maßgeblich an der Vorbereitung des katholischen Großereignisses im Jahr 2005 beteiligt. Er verantwortete die pastorale Vor- und Nachbereitung des Weltjugendtages, die Tage der Begegnung mit dem Tag des sozialen Engagements in allen deutschen (Erz-)Bistümern, das Kultur- und Jugendfestival beim Weltjugendtag in Köln sowie den Pilgerweg des Weltjugendtagskreuzes durch Europa und Deutschland.

Im Anschluss an den XX. Weltjugendtag verbrachte Austen für persönliche Fortbildungen einige Monate in New York City und in Schweden. Nach seiner Rückkehr wurde er im selben Jahr Geschäftsführer der Steuerungsgruppe "Perspektive 2014" im Erzbistum Paderborn.

Seit März 2008 ist Georg Austen Generalsekretär und Hauptgeschäftsführer des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken sowie Geschäftsführer des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe/Diasporahilfe der Priester. Im Jahr 2013 wurde Austen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Die zweite Amtszeit begann am 1. März 2014.

Im Mai 2008 ernannte Papst Papst Benedikt XVI. Austen zum päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore) und berief ihn im Dezember 2011 ins Konsultoren-Kollegium des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Austen ist Berater in der Unterkommission für Missionsfragen der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Mitglied in der Konferenz Weltkirche sowie im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Austen engagiert sich für den Dialog und die solidarische Zusammenarbeit in der Weltkirche sowie für Randgruppen, beispielsweise in der Gefängnisarbeit, und setzt sich für junge Menschen ein. Hierfür gründete er 2011 die „Georg Austen Stiftung Solidarität“ mit der Zielsetzung Werte zu vermitteln, den Glauben zu entdecken und die Persönlichkeit zu fördern. Durch entsprechende Projektförderung soll Kindern und Jugendlichen geholfen werden, ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken, Lebenskrisen zu überwinden, den Sinn für solidarisches Handeln zu fördern und nicht zuletzt, eine Orientierung und Zuversicht aus dem christlichen Glauben zu erfahren.

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit ernannte Papst Franziskus am 10. Februar 2016 Austen zum "Missionar der Barmherzigkeit".

Austen ist es ein wichtiges Anliegen – in Kooperation mit nationalen und internationalen Künstlern und Veranstaltern von Großereignissen – Berührungspunkte mit Themen der Kunst, der Kultur und der Kirche zu schaffen, um so auch einen Dialog mit Andersdenkenden und -glaubenden anzuregen. So konnten bereits bundesweite Konzertreihen, Benefizveranstaltungen, Buchprojekte und Kunstausstellungen organisiert werden. Die Erlöse kommen sozial-caritativen Projekten zugute. In den Jahren 2017 und 2018 konnten zwei Kunstausstellungen unter dem Titel „Udos 10 Gebote“ mit Bildern des Sängers Udo Lindenberg in der Gaukirche in Paderborn und in der Überwasserkirche in Münster realisiert werden. In Kooperation mit Michael Patrick Kelly kam es zu zwei Konzertreihen („Agape-Tour“ im Jahr 2012 und „Ruah-Tour“ im Jahr 2016) durch mehrere Kirchen und Dome im deutschsprachigen Raum. Im Zuge der Nikolausaktion des Bonifatiuswerkes unter dem Titel „Weihnachtsmannfreien Zone“ gibt es seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Sängerin Maite Kelly. Zu weiteren Kooperationen kam es unter anderem mit der Sängerin Kathy Kelly, dem Tenor Juan del Bosco und der Gospelsängerin Carla A. Harris aus New York, der Sängerin Judy Bailey, der Straßenmusikerin Simone Oberstein und der Rügener Künstlerin Sylvia Vandermeer.

KURZ NACHGEFRAGT

bei Monsignore Georg Austen

Als Generalsekretär des Bonifatiuswerkes ist es mein Anliegen …

… gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu beizutragen, Gott in der Welt einen Ort zu sichern und dem Glauben an ihn Räume zu öffnen. Denn: Keiner soll alleine glauben.
 

Unter "Diaspora" verstehe ich …

… eine Kirche von innen für draußen, eine Kirche die alle Christinnen und Christen – egal wo – in den Blick nimmt, damit sie auskunfts- und dialogfähig gegenüber Andersdenkenden und –glaubenden sind.
 

Missionare des 21. Jahrhunderts – das sind für mich …

… Menschen, die aus dem christlichen Geist heraus heraus die Welt aktiv mitgestalten und für ihre Überzeugungen einstehen, aber auch Grenzgänger und Wegbereiter sind.
 

Wenn ich an die Kirche von morgen denke, dann …

… hoffe ich, dass bei allen Veränderungen und Strukturfragen immer die Pastoral und die Sorge um die Menschen im Vordergrund stehen und damit die Botschaft Jesu als „Frohe Botschaft“ erfahren wird. Eine Kirche die als Weltkirche denkt und sich für die Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Menschenwürde wie für den Frieden einsetzt.
 

Meine liebste Bibelstelle lautet…
 

… „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17).
 

Eigenschaften, die ich besonders schätze, sind…
 

…Verlässlichkeit und Ehrlichkeit.
 

Sprachlos machen mich…

… Kleingläubigkeit, Unflexibilität und Situationen, die erdrückend und belastend für Menschen sind und die auf den ersten Blick nicht verändert werden können.
 

Ich könnte nicht leben ohne…

… Beziehungen zu lieben Menschen und ohne eine Orientierung aus dem Glauben für mein Leben.