ERFURTER ALTBISCHOF JOACHIM WANKE VERSTORBEN

Msgr. Austen: "Er war ein großer Freund des Bonifatiuswerkes"

Bischof em. Joachim Wanke: 4. Mai 1941 - 12. März 2026 (Foto: Peter Weidemann/Bistum Erfurt)
Bischof em. Joachim Wanke: 4. Mai 1941 - 12. März 2026 (Foto: Peter Weidemann/Bistum Erfurt)

12.03.2026

Er war einer der prägenden Köpfe der katholischen Kirche in Ostdeutschland: Bischof Dr. Joachim Wanke. Mehr als 30 Jahre lang leitete er das heutige Bistum Erfurt. Seit 2012 war er im Ruhestand, aber weiterhin ein gefragter Beobachter. Am Donnerstagmorgen ist er im Alter von 84 Jahren in Erfurt verstorben, wie das Bistum mitteilte.

Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen würdigte Wanke als Bischof mit pastoraler Weitsicht und Tiefgang. “Für mich war Bischof Wanke ein Mensch, der eine Nähe zu Gott und den Menschen hatte. Ein Mann mit pastoraler Weitsicht, aber auch mit Tiefgang, der sich immer gefragt hat: Wie kann heute das Evangelium zeitgerecht in einem kirchenfernen Umfeld, in der Diaspora, die Menschen erreichen? Er hat uns viele Impulse für die Pastoral und für unsere Arbeit mitgegeben. Die Arbeit unseres Hilfswerks hat er sehr wertgeschätzt. Er war ein großer Freund des Bonifatiuswerkes, mit dem wir sehr verbunden waren und sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet haben. Möge er in Frieden ruhen.”

Wanke stand von 1981 bis 2012 an der Spitze des Erfurter Kirchengebiets, das Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 zum Bistum erhoben hatte. Er zählte zu den prägendsten katholischen Bischöfen im Osten Deutschlands. Geschätzt wurde sein theologischer Sachverstand ebenso wie sein seelsorgerisches Einfühlungsvermögen. Wanke, der seit Jahren an Herzschwäche litt, war vergangene Woche ins Krankenhaus gebracht und wenige Tage später auf die Palliativstation verlegt worden. Bischof Ulrich Neymeyr würdigte seinen Vorgänger als "einen bedeutenden Bischof und Theologen, von dem wegweisende und ermutigende Impulse nicht nur für das Leben der katholischen Kirche in der Diaspora Ostdeutschlands ausgegangen sind, sondern auch für das Leben in der katholischen Kirche in Deutschland". Wenn man mit ihm sprach, habe man bei ihm immer eine tiefe Wertschätzung und ein aufrichtiges Interesse am Gegenüber gespürt, erinnert sich Bischof Neymeyr.

Zur Zeit der SED-Diktatur habe seine klare Haltung mit stets wohlgewählten Worten vielen Christen Mut und Zuversicht vermittelt. Neymeyr würdigte zudem Wankes Einsatz bei den gesellschaftlichen und kirchlichen Herausforderungen, die die friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands mit sich brachten. Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz erwarb sich Bischof Dr. Joachim Wanke große Verdienste im Bereich der Pastoralkommission, die er von 1998 bis 2010 als deren Vorsitzender leitete, sowie in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, deren Vorsitz er ebenfalls von 1995 bis 2001 wahrgenommen hatte. In beiden Bereichen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Weiterhin lag ihm der Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Thüringen sehr am Herzen.
 

Wertschätzung und aufrichtiges Interesse
 

Mit wachem Geist verfolgte Wanke auch bis zuletzt das Zeitgeschehen in Kirche, Politik und Gesellschaft. Dabei bewies er oft eine nüchtern-pragmatische Weitsicht. Mit Blick auf den Synodalen Weg zur Zukunft der Kirche in Deutschland etwa warnte er früh: "Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, man könne das ruckzuck und mit Mehrheitsentscheidungen alles klären."

Als Bischof hatte sich der stets bescheiden auftretende Wanke unter zwei gegensätzlichen Gesellschaftssystemen zu bewähren: neun Jahre unter dem SED-Regime der DDR und 22 Jahre im wiedervereinten Deutschland. Immer wieder ermutigte Wanke die Christen, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, "damals angesichts der ideologischen Indoktrination und jetzt angesichts eines kulturellen und weltanschaulichen Pluralismus". Berühmt wurde etwa sein Zitat: "Lasst uns miteinander das Evangelium auf 'Mitteldeutsch' buchstabieren!"

Im Rückblick sagte er 2020, dass auf die Anfangseuphorie der Wende bald auch Ernüchterung gekommen sei, ob man angesichts so vieler gesellschaftspolitischer Umwälzungen als Kirche in Mitteldeutschland überhaupt bestehen könne: "Denn es ist um vieles leichter, sich als Opfer zu fühlen und mit dem Finger auf andere als 'die Bösen' zu zeigen, als sich tapfer und mit Einfallsreichtum in neue Verhältnisse einzubringen."

Zugleich wies Wanke als Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz seine westdeutschen Mitbrüder schon im Jahr 2000 darauf hin, dass die Realität in den neuen Bundesländern, nämlich Christsein als Minderheit, absehbar auch die kirchliche Realität in den anderen Regionen des Landes beeinflussen werde.
 

Kirche sollte nicht kleinlich sein
 

Entsprechend mahnte Wanke, die Kirche zu einem "Haus mit offenen Türen" auch für Nichtglaubende zu machen, und förderte entsprechende Projekte in seinem Bistum, etwa die "Feiern der Lebenswende", eine Alternative zur Jugendweihe für ungetaufte Jugendliche. "Wer mit Kirche zum ersten Mal in Berührung kommt, sollte damit rechnen dürfen, willkommen zu sein. Das 'Bodenpersonal Gottes' darf nicht kleinlich sein, wenn Gott selbst großzügig ist. Kirche ist zwar nicht für alles, aber doch für alle da", so Wanke.

In kirchliche Spitzenverantwortung wurde er schon mit 39 Jahren berufen, als Papst Johannes Paul II. ihn 1980 zum Weihbischof in Erfurt ernannte. Nach der Bischofsweihe folgte er schon zwei Monate später dem verstorbenen Hugo Aufderbeck auf dem Erfurter Bischofsstuhl nach.

Zuvor stand der aus dem schlesischen Breslau (Wroclaw) stammende Beamtensohn vor einer Hochschulkarriere. Er war Professor für Exegese des Neuen Testaments am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt, der einzigen akademischen Ausbildungsstätte für Priester in der DDR und heutigen Universitätsfakultät. Zur wissenschaftlichen Arbeit kehrte er später wieder als Leiter eines Gremiums zurück, das im Auftrag der deutschsprachigen Bischöfe bis 2016 eine Revision der "Einheitsübersetzung" des Neuen Testaments vornahm.

Geschätzt wurde Wanke auch für seine rhetorischen Fähigkeiten, die ihm unter anderem 2001 den Predigtpreis der deutschen Wirtschaft eintrug. In einer seiner Ansprachen rief er die Kirche auch in Krisen zur Gelassenheit auf: "Es gibt nichts Schlimmeres als nervöse, hektische Pfarrer und kirchliche Angestellte, die andere mit ihren kirchlichen Untergangsvisionen bedrängen."

 

(kna/bam)