"MINI-KIRCHE MIT WELTKIRCHE IM RÜCKEN"
25.08.2025
Als bunt, wachsend und jung beschreibt Pater Dominik Terstriep die Gemeinde St. Eugenia in Stockholm. Der deutsche Ordensmann erklärt gegenüber domradio.de während einer vom Bonifatiuswerk organisierten Pressereise auch, warum sich im säkularen Schweden wieder mehr Menschen für die katholische Kirche interessieren. Im Gemeindezentrum St. Eugenia wird aktuell mit den Vorbereitungen für die Umbauarbeiten begonnen, um den vorhandenen Platz in dem Gebäudekomplex besser nutzen zu können. Das Projekt wird finanziell vom Bonifatiuswerk (Förderung: 150.000 Euro) und vom Diaspora-Kommissariat (Förderung: 730.000 Euro) unterstützt.
Was ist Ihre Aufgabe als kleine, aber feine katholische Hauptstadt-Gemeinde?
P. Dominik Terstriep, SJ (Pfarrer der katholischen Gemeinde Sankt Eugenia Stockholm): Wir sind Kirche mitten in der Stadt. Ich sage immer: Wir sind das geistliche Herz der Stadt, unsichtbar, aber wirksam. So wie man das menschliche Herz auch nicht sieht, obwohl es den gesamten Körper mit Sauerstoff versorgt.
So wollen wir hier geistlich die Stadt versorgen, auch wenn wir fast unsichtbar sind: Die Kirche öffnet sich in einen Innenhof, man sieht von außen nichts außer einem Kreuz an der Fassade und einem katholischen Buchladen. Aber hier drinnen ist so etwas wie eine Herzkammer.
Unsere Kapelle ist jeden Tag von 7 bis 21 Uhr geöffnet. Viele kommen hierher, um zu beten, es kommen Leute mit allen möglichen Hintergründen. Als Papst Franziskus 2017 hier war, ist vielen Katholikinnen und Katholiken in Schweden noch einmal neu aufgegangen: Wir sind wenige hier, also eine Mini-Kirche, aber doch auch wieder nicht, weil wir eine Weltkirche im Rücken haben. Deswegen ist die Weltkirche mit dem Papst in Rom für uns auch so wichtig.
Was macht die Gemeinde Sankt Eugenia heute aus?
P. Dominik Terstriep, SJ: Sankt Eugenia ist eine Gemeinde, die wächst und sehr jung ist. Es ist auch eine Gemeinde mit einer großen sozialen Spreizung. Die Mitglieder kommen sowohl aus sozial schwachen als auch aus reichen Vororten; sie alle versammeln sich unter unserem Dach. Auch was die Nationalitäten der Mitglieder angeht, ist die Gemeinde sehr divers.
Sankt Eugenia hat heute etwa 10.900 Mitglieder, 2013 waren es noch 8.000. Dieses Wachstum speist sich aus zwei Quellen: Da ist einmal die Zuwanderung, die aber in den letzten Jahren abgenommen hat, weil die Einwanderung nach Schweden inzwischen stark reglementiert ist. Außerdem kommt der Zuwachs durch Erwachsene, die sich entscheiden, in der Kirche leben zu wollen.
Wie begegnen Sie dieser Gemengelage? Bieten auch Sie Gottesdienste in verschiedenen Sprachen an, wie das viele katholische Gemeinden in Skandinavien machen?
P. Dominik Terstriep, SJ: Wir haben vor allem Gottesdienste auf Schwedisch und sonntags eine Messe auf Englisch. Wir arbeiten vor allem auf Schwedisch, weil wir Kirche in Schweden sein möchten und nicht eine Auslandskirche. Es ist eine tolle Geschichte, dass wir hier mit so vielen verschiedenen Leuten das Gleiche tun können – nämlich zusammen Gottesdienste feiern. Da treffen wir uns. Und es gibt wenige Orte in der Gesellschaft, wo sich so viele Menschen verschiedener Herkunft zusammenfinden und etwas gemeinsam tun. So treten sie nicht nur in Kontakt mit Gott, sondern auch untereinander.
Wie versuchen Sie darüber hinaus, so unterschiedliche Menschen in der Gemeinde zusammenzubringen?
P. Dominik Terstriep, SJ: In unseren Messen, vor allem auch denen zu wichtigen Feiertagen, merken wir, dass da etwas ist, was jenseits der Sprache verbindet. Ich muss nicht jedes Wort verstehen und verstehe doch, worum es geht. Der äußere Rahmen hilft dabei, die Leute kennen die Liturgie, und ich glaube, da finden sich einfach viele wieder. Es gibt also viel jenseits der Sprachkenntnis.
Liegt darin nicht auch die Chance, alteingesessene Schweden mit neu zugewanderten Schweden in Kontakt zu bringen?
P. Dominik Terstriep, SJ: Auf jeden Fall. In Gesprächen mit Politikern hebe ich das immer hervor. Ich erkläre dann, dass das, was bei uns normal ist, in anderen gesellschaftlichen Kontexten kaum passiert. Schweden ist tatsächlich sehr segregiert, also gespalten; in bestimmten Vororten leben ausschließlich Zuwanderer. Das ist in unserer Gemeinde wirklich ganz anders und ich erlebe das als einzigartig. Mir fällt kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe ein, die die Vielfalt der Menschen so abbildet und so einen Beitrag zur Integration leistet.
Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Was heißt das für Ihre Arbeit?
P. Dominik Terstriep, SJ: Für uns ist der Rechtsruck in der Gesellschaft natürlich eine schwierige Frage, weil er viele unserer Mitglieder direkt betrifft. Wenn ihnen der Eindruck vermittelt wird, sie sollten eigentlich nicht hier sein, geht das aus unserer Sicht natürlich gar nicht. Für viele ist das eine harte Nummer.
Erheben Sie dagegen auch die Stimme?
P. Dominik Terstriep, SJ: Wir unterstützen natürlich Betroffene. Aber ich will mich nicht parteipolitisch engagieren. Ich kann für Menschenwürde eintreten, für gesetzliche Regelungen, für Freizügigkeit, werde mich aber weder mit einer Partei identifizieren, noch Abstand nehmen. Ich nehme einen überparteilichen Blickpunkt ein.
Welche religiösen Trends beobachten Sie in Schweden, wo Katholiken ja nach wie vor nur eine kleine Minderheit ausmachen?
P. Dominik Terstriep, SJ: Es interessieren sich hier wieder mehr Leute für die katholische Kirche und es sind zunehmend jüngere Leute. Früher waren das eher Menschen um die 40, jetzt ist die Mehrheit zwischen 20 und 30 Jahre alt. Es sind deutlich mehr Männer und viele sind sehr gut informiert, haben aber wenig oder gar keine Geschichte mit einer christlichen Gemeinschaft.
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
P. Dominik Terstriep, SJ: Ich glaube, viele Menschen erleben heute eine große Unsicherheit und stellen sich die Frage, worauf sie ihr Leben eigentlich gründen. Für sie geht es also um Orientierung. Und Religion hat ja mit Rückbindung zu tun – ich binde mich zurück an Gott als an einen Grund in meinem Leben. Wenn alles ins Wanken gerät und es kaum noch Gewissheiten gibt, wird Religion offenbar wieder für mehr Menschen zur interessanten Alternative.
Schweden gilt seit Jahren schon lange als eines der am stärksten säkularisierten Länder Europas...
P. Dominik Terstriep, SJ: Die letzten soziologischen Untersuchungen – ein Sozial- und Religionsbarometer eines staatlichen soziologischen Instituts – haben im Frühsommer ergeben, dass die Säkularisierung zum Stillstand gekommen ist, der Trend zur Säkularisierung schreitet also im Moment nicht voran, sondern die Säkularisierung ist sozusagen eingefroren. Was das genau bedeutet, wissen wir aber noch nicht. Es ist schlicht eine Momentaufnahme.
Wagen Sie eine Prognose, wo die katholische Kirche Schwedens in zehn Jahren steht?
P. Dominik Terstriep, SJ: Das weiß ich nicht. Trends können sich in die eine oder die andere Richtung entwickeln. Ich glaube nicht, dass das neu erwachte Interesse sofort wieder abbricht, also dieses Interesse an metaphysischen Fragen, an Gottglauben, an Kirche. Das wird schon noch anhalten. Aber wie es dann weitergeht, vermag ich nicht zu sagen.
(domradio.de/Hilde Regeniter)