INTERVIEW MIT PERSONALSTELLENINHABERIN SABINE PETTERS

Pilgern neu gedacht: Wie der Weg Menschen verändert

Sabine Petters sieht im Pilgern das Potential, Menschen wieder neu mit Kirche in Berührung zu bringen. (Foto: Hartmut Salzmann)
Sabine Petters sieht im Pilgern das Potential, Menschen wieder neu mit Kirche in Berührung zu bringen. (Foto: Hartmut Salzmann)

01.04.2026

Ein spontaner Aufbruch wurde zum Wendepunkt: Heute eröffnet Sabine Petters Menschen neue Räume für Glaubenserfahrungen im Alltag. Das Bonifatiuswerk fördert ihre zweijährige Personalstelle im Erzbistum Berlin mit 55.000 Euro. Im Interview mit dem Bonifatiuswerk spricht sie darüber, warum neue Pilgerformate gefragt sind und welche spirituelle Kraft im Unterwegssein liegt. Die Fragen stellte Theresa Meier. 

Was hat Sie persönlich zum Thema Pilgern geführt und was begeistert Sie besonders daran? 

Eigentlich war es ein Zufall und für mich ist Zufall das, wo Gott seinen Namen nicht draufschreiben möchte. 2024 fiel für meinen Mann und mich kurzfristig ein Urlaub weg und ich sagte zu ihm: ‚Du ich wollte schon immer mal pilgern, hättest Du Lust dazu?‘ Und er hatte es. Wir sind spontan mit leichtem Gepäck eine Woche lang vor der Haustür gepilgert – auf der Via Baltica von Swinemünde nach Grimmen. Das Überraschende: wir waren das perfekte Pilgerteam. Wir hatten ein ähnliches Schritttempo, konnten gemeinsam schweigen, reden oder einfach miteinander unterwegs sein. Auf der Via Baltica ist man größtenteils allein – und gerade darin liegt eine besondere Qualität. In der Folge hat sich mein Leben auf wunderbare Weise verändert. Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, einmal dieses Leben zu führen: mit der „Offenen Kapelle“ in Jager, als Pilgerbegleiterin und als Herbergsmutter einer eigenen Herberge. Diese Erfahrung – dass ein Leben mit Gott manchmal mit erstaunlicher Leichtigkeit wachsen kann – teile ich sehr gern mit anderen Menschen. 
 

Pilgern gilt als jahrhundertealte Tradition. Warum braucht es dafür heute neue und innovative Formate? 

Pilgern hat eine jahrhundertealte Tradition, wird heute aber nur von einem kleinen Teil der christlichen Gemeinschaft aktiv gelebt. In der katholischen Kirche hat die Wallfahrt ihre starke Tradition bewahrt, im Protestantismus gehört Pilgern dagegen weniger zur gelebten Glaubenspraxis. 

Dabei sind viele Geschichten der Bibel Weggeschichten: Abraham, Mose, das Volk Israel, die Jünger – sie alle sind unterwegs. Auch Jesus war ständig auf dem Weg. Wenn wir biblische Texte mit den Augen eines Pilgers lesen, erschließen sie sich oft neu. 

Gleichzeitig beobachten wir heute etwas Spannendes: Immer mehr Menschen pilgern, aber viele nicht aus religiösen Gründen. Sie suchen Stille, Natur, Orientierung oder Gemeinschaft. Darin liegt eine große Chance für unsere Kirchen, diesen Menschen offen zu begegnen – vielleicht mit einem guten Wort, einem Pilgerimpuls, einem Segen oder auch mit offenen Gemeindehäusern als Herbergen am Weg. 
 

Was zeichnen Ihre Pilgerformate aus?  

Klassisches Pilgern bedeutet oft lange Wege, mehrere Tage oder Wochen unterwegs zu sein und dafür bewusst Zeit freizunehmen. Das ist eine wunderbare Erfahrung – aber für viele Menschen im Alltag schwer umzusetzen. 

Die Pilgerformate, die ich entwickle, setzen genau dort an. Sie sind bewusst kurz, niedrigschwellig und alltagsnah. Manche dauern nur zehn Minuten, andere ein paar Stunden oder einen Tag. Die Wege liegen meist direkt vor unserer Haustür, sodass man ohne große Vorbereitung teilnehmen kann. 

‚Pop-up-Pilgern‘ sind kurze, spontan organisierte Pilgerangebote, die für wenige Stunden oder einen Tag stattfinden und Menschen mitten im Alltag eine kleine Pilgererfahrung ermöglichen.  
 

Ihre Hauptaufgabe sehen Sie in der Entwicklung leicht zugänglicher Pilgerangebote mit bewusst missionarischem Ansatz. Wie definieren Sie diesen im Kontext Ihrer Arbeit? 

Die schönste Form von Mission entsteht für mich dann, wenn Menschen sehen, was für eine lebendige, fröhliche und zugleich sinnstiftende Gemeinschaft wir Christen sein können – und dadurch neugierig werden. 
Pilgern bietet dafür einen idealen Raum. Auf dem Weg entstehen Gespräche, Vertrauen und Gemeinschaft ganz von selbst. Viele Menschen erleben Kirche dabei anders als erwartet: offen, zugewandt und lebensnah. 
Für mich bedeutet Mission vor allem, meine eigenen Glaubenserfahrungen zu teilen. Wenn Menschen spüren, welche lebendige Kraft im christlichen Glauben liegt, kann das ansteckend wirken. 
 

Sie sprechen von einer „Sehnsucht nach dem echten Leben“. Was beobachten Sie bei den Menschen, denen Sie in Ihrer Arbeit begegnen? 

Gemeinsam zu gehen, schafft schnell Verbindung. Aus scheinbar banalen Gesprächen entstehen plötzlich sehr tiefe Themen – Dankbarkeit, Sinnfragen oder auch neue Bilder von Gott. 
Viele Menschen sind erschöpft vom Tempo des Alltags. Der Pilgerweg wird dann zu einem Raum, in dem man einfach gehen darf, ohne etwas leisten zu müssen. 
Auch wenn nicht alle Fragen beantwortet werden, berichten viele am Ende von einem tiefen inneren Frieden. Gemeinschaft, Ruhe und das Unterwegssein selbst werden zu einem großen Geschenk. 
 

Ihr Wirkungsgebiet reicht von Berlin bis Rügen und von der Oder bis nach Hamburg – welche Herausforderungen, aber auch Chancen bringt diese große Region mit sich? 

Das Gebiet von Berlin bis Rügen und von der Oder bis nach Hamburg ist groß, und die Wege sind weit. Gleichzeitig erlebe ich überall ein großes Interesse an der Pilgerarbeit. 
Es gibt viel Beratungsbedarf – etwa zu Pilgerwegen, Wegmarkierungen, Herbergen, Netzwerken oder zur Ausbildung von Pilgerbegleiterinnen und Pilgerbegleitern. Viele engagierte Menschen vor Ort suchen Austausch und Unterstützung. 
Das fühlt sich manchmal an wie ein trockener Schwamm, der Wasser aufsaugen möchte. Daraus entsteht nach und nach ein wachsendes Netzwerk für die Pilgerarbeit in der Region. 
Das ist für mich eine große Chance. Durch die vielen Kontakte entsteht nach und nach ein Netzwerk von Menschen, die Pilgern in ihren Regionen weiterentwickeln wollen. 
 

Welches Potential für den ökumenischen Dialog sehen Sie in diesem Projekt? 

Pilgern ist von seinem Wesen her ökumenisch. Auf dem Weg spielt es kaum eine Rolle, aus welcher Konfession jemand kommt. Menschen gehen gemeinsam, teilen Erfahrungen und unterstützen sich gegenseitig. 
Durch die ökumenische Pilgerinitiative in Vorpommern bin ich selbst dem katholischen Leben nähergekommen. Gerade auf Pilgerwegen verschwinden viele Grenzen, die im kirchlichen Alltag manchmal stärker wahrgenommen werden. Unterwegs zählt vor allem die gemeinsame Suche nach Gott. 
 

Was möchten Sie persönlich mit Ihrer Personalstelle auf den Weg bringen? 

Ich wünsche mir, dass Pilgern in unseren Kirchen stärker als geistliche Praxis wahrgenommen wird – so selbstverständlich wie Beten oder Segnen. Pilgern wird oft ‚Beten mit den Füßen‘ genannt. Gleichzeitig sehe ich darin eine große Chance, Menschen zu erreichen, die sonst vielleicht nicht in unsere Kirchen kommen würden. Der Weg selbst kann zu einem offenen Raum werden, in dem Menschen Kirche neu entdecken. 

(thmei)