"ICH HABE ANGST UM MEINE FAMILIE"

Katholische Gemeindemitglieder auf Grönland zwischen Erleichterung und Angst

Gemeindemitglieder der einzigen katholischen Pfarrei Christus-König in Nuuk (Grönland) mit Pfarrer Pater Tomaž Majcen OFMConv. (Foto: Krist Konge Kirke, Nuuk - privat)
Gemeindemitglieder der einzigen katholischen Pfarrei Christus-König in Nuuk (Grönland) mit Pfarrer Pater Tomaž Majcen OFMConv. (Foto: Krist Konge Kirke, Nuuk - privat)

28.01.2026

Nach Wochen internationaler Spannungen rund um Grönland scheint auf politischer Ebene zunächst ein Kompromiss gefunden worden zu sein. Doch auch wenn es so scheint, dass sich die Lage vorerst stabilisiert hat, ist die Verunsicherung im Alltag vieler Menschen dort allgegenwärtig. Denn Details zum Kompromiss sind bislang unklar. In Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, ist diese unruhige Atmosphäre spürbar – auch in der einzigen katholischen Pfarrei Christus-König, die dem Bistum Kopenhagen zugeordnet ist. 

Mit rund 500 Mitgliedern ist die katholische Kirche eine kleine Minderheit unter den etwa 57.000 Einwohnern der größten Insel der Welt. Politischen Einfluss hat sie kaum. Doch gerade in Zeiten der Unsicherheit wird sie für viele zu einem wichtigen Ort der Nähe, des Zusammenhalts und des gemeinsamen Aushaltens.
 

"Der Boden fühlt sich weniger fest an"

Seitdem der Konflikt um Grönland so eskaliert ist, kommen mehr Menschen zur Messe. Nach den Gottesdiensten bleiben viele länger als sonst. "Die Kirche ist einer der wenigen Orte, an denen sie frei atmen können", erklärt Pater Tomaž Majcen, katholischer Gemeindepriester in Nuuk. Gespräche entstehen – oft leiser, persönlicher. "Die Menschen fragen mich nicht nach Politik. Sie fragen nach innerem Frieden, nach Vertrauen, nach Hoffnung." Die Kirche, so sagt er, tue gerade das, was sie immer getan habe – still und leise: Menschen begleiten und Hoffnung schenken. "Was mir am meisten auffällt, ist nichts Lautes, sondern etwas Leises und Tiefgreifendes. Die Menschen haben das Gefühl, dass der Boden unter ihren Füßen etwas weniger fest ist als zuvor", sagt der Pfarrer.
 

Unterstützung durch das Bonifatiuswerk

Die katholische Kirche als Weltkirche hat jüngst den Grönländern Solidarität und Unterstützung zugesichert – so auch das Spendenhilfswerk für den Glauben und die Solidarität: "Das Bonifatiuswerk steht solidarisch an der Seite der Menschen in Grönland." In einer Zeit globaler Unsicherheiten brauche es daher mehr denn je "verlässliche Beziehungen und den Zusammenhalt über staatliche Grenzen hinweg." Dafür habe sich das Bonifatiuswerk als internationales Hilfswerk von jeher in Nordeuropa eingesetzt. "Und das tun wir auch jetzt", betont Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen. Gemeinsam mit dem Diaspora-Kommissariat der deutschen Bischöfe hat das Hilfswerk in den vergangenen Jahren die Sanierung des Christus-König-Gemeindezentrums und der Kirche mit insgesamt 500.000 Euro gefördert.
 

Angst, die den Alltag begleitet

Die politischen Diskussionen und das erneute Interesse internationaler Großmächte an Grönland haben alte Ängste geweckt. “Die Grönländer sind ein ruhiges und widerstandsfähiges Volk“, sagt Pater Tomaž Majcen. "Aber sie hängen sehr an ihrem Land, ihrer Kultur und ihrer Würde. Wenn das alles von außen in Frage gestellt wird, fühlen sich die Menschen klein und verletzlich."

Die Angst des 42-jährigen Girard Dupitas ist im Gespräch mit dem Bonifatiuswerk spürbar. Das katholische Gemeindemitglied arbeitet als Krankenpfleger im Dronning Ingrids Hospital. Seit 2009 lebt der gebürtige Philippiner in Nuuk. Für seine Frau, seine beiden Kinder und ihn sei die tägliche Unsicherheit nur schwer zu ertragen: "Ich habe Angst", sagt er offen. "Angst um meine Familie. Ich mache mir Sorgen um unsere Sicherheit. Wir wissen nicht, ob jedes Mal, wenn wir morgens aufwachen, das US-Militär bereits vor unserer Tür steht und ganz Nuuk im Chaos versinkt. Oder ob wir nachts Geräusche hören werden und der Krieg bereits begonnen hat."

Die vielen Journalisten, die hohe Präsenz des Militärs und die Empfehlung der grönländischen Regierung, Vorräte für fünf Tage in jedem Haushalt anzulegen, mache diese angespannte Situation greifbar.
 

"Kirche wird zur großen Familie"

Und doch gibt es Dinge, die Girard Dupitas Kraft geben: das Wissen um internationale Unterstützung, aber vor allem seine Gemeinde. "Unsere kleine Familie wird durch die Gemeinde zu einer großen Familie", sagt er. Jeden Sonntag ist die vierköpfige Familie in der Messe. Girard Dupitas spielt Gitarre, seine Kinder dienen am Altar. "Wir beten, nicht nur für die Situation vor Ort, sondern auch für den Rest der Welt. Das hilft uns, ruhig zu bleiben und unser Leben so normal wie möglich weiterzuführen."
 

Wunsch nach friedlichen Lösungen

Auch der philippinische Louie beschreibt die Kirche und seinen katholischen Glauben als sein "Zuhause fern der Heimat und der Familie. Wir sind durch einen gemeinsamen Glauben vereint. Wir helfen uns gegenseitig – besonders emotional." 

Der 47-Jährige, der als IT-Servicetechniker in Nuuk arbeitet, erlebt die Menschen in Grönland als besorgt, aber friedlich. Das Leben gehe weiter, doch die Gedanken seien schwerer geworden. "Ich hoffe, dass alles ohne Gewalt geregelt wird", sagt er. Und dass Grönland seine Natur, seine Kultur und seinen eigenen Weg bewahren könne.

Und so brennen in der Christus-König-Kirche in Nuuk derzeit viele Kerzen. Jede steht für eine Sorge. Und jede auch für die Hoffnung, dass Grönland einen friedlichen Weg in die Zukunft findet.

(thmei)