LEBENSWEGE EHEMALIGER KINDER AUS DEM CARITAS-KINDERDORF IN LETTLAND
30.01.2026
Als Sanita im Jahr 2012 gemeinsam mit ihrer Schwester Silvija nach Großbritannien aufbrach, war sie voller Hoffnung und auch voller Unsicherheit. Ein neues Land, eine fremde Sprache, ein unbekanntes Leben lagen vor ihr. Heute, mehr als zehn Jahre später, lebt die 35-Jährige in England, studiert Informatik und blickt mit Dankbarkeit auf ihren Lebensweg zurück. Einen entscheidenden Teil davon verdankt sie dem Caritas-Kinderdorf Grašu in Lettland. "Gott hat dort etwas Wunderschönes geschaffen, einen Ort voller Liebe, Weisheit und Fürsorge. Grašu hat mir Wurzeln gegeben", sagt Sanita.
Vom achten bis zum 18. Lebensjahr lebte sie im Kinderdorf. Es war eine Zeit, die sie nachhaltig geprägt hat. "Dort habe ich gelernt, was Stabilität bedeutet, was Verantwortung heißt und wie wichtig Zusammenhalt ist." Werte, die sie heute in ihrer eigenen Familie weiterlebt. Gemeinsam mit ihrem Partner Jonas, der selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, zieht sie zwei Söhne groß. "Wir wissen beide, was es bedeutet, ohne Familie aufzuwachsen", sagt Sanita. Umso wichtiger sei es ihnen, ihren Kindern ein Zuhause zu geben, das von Liebe, Glauben und gegenseitigem Respekt geprägt ist.
Wie prägend das Leben im Kinderdorf sein kann, zeigen auch die Erinnerungen von der 32-jährigen Silvija, die heute in Manchester wohnt und zwei Söhne hat. Sie kam im Alter von fünf Jahren nach Grašu. "Am Anfang hatte ich Angst – neue Menschen, eine neue Umgebung. Doch schon bald spürte ich die Herzlichkeit der Erzieher. Grašu wurde mein Zuhause."
Auch Anastasija (27), die in Riga als Logistikspezialist arbeitet, blickt dankbar zurück: "Ohne die Unterstützung im Kinderdorf hätte ich vermutlich die Schule abgebrochen. Für mich waren die Menschen im Kinderdorf meine Familie." Bis heute hält sie engen Kontakt zur Einrichtung, die im Jahr 2025 ihr 30-jähriges Bestehen feierte.
Das Kinderdorf ist seither für junge Menschen da und schenkt ihnen Schutz, Verlässlichkeit und neue Perspektiven. Ihre Eltern können sich aufgrund von Alkohol-, Drogenproblemen oder schweren Krankheiten meist nicht um ihren Nachwuchs kümmern.
Die pädagogische Arbeit im Kinderdorf ist anspruchsvoll. "Kein Tag gleicht dem anderen", sagt Līga, die seit 25 Jahren in Grašu arbeitet. Kreativität, Geduld und ein feines Gespür für jedes einzelne Kind seien unverzichtbar.
Evita, seit 19 Jahren Teil des Teams, weist auf das oft verborgene Leid hin: "Manche Kinder tragen Schmerzen in sich, die man von außen nicht sieht. Viele geben sich selbst die Schuld für ihre Situation." Umso wichtiger sei es, ihnen zu zeigen, dass sie nicht verantwortlich sind – und dass sie dazugehören.
Vertrauen aufzubauen, braucht Zeit. "Schritt für Schritt", sagen die Erzieherinnen. Gespräche, Verlässlichkeit und das Einhalten von Versprechen sind dabei zentral. "Es gibt keine Zauberformel", betont Judīte. "Aber es gibt Zuhören, Unterstützung und unbegrenzte Zeit."
Für viele Mitarbeitende ist das Kinderdorf mehr als ein Arbeitsplatz. "Ich gehe nicht nur zur Arbeit, ich gehe in mein zweites Zuhause", sagt Judīte. Manchmal brauche es Ermahnung, manchmal eine Umarmung. "Aber wir beenden den Tag immer in guter Stimmung."
Dass Grašu weit über Lettland hinaus wirkt, zeigt die Geschichte einer französischen Gastfamilie. Nach dem Renteneintritt entschieden sie sich, Gastfamilie für Kinder aus dem Kinderdorf zu werden. 2017 nahmen sie den damals elfjährigen Kalvis bei sich auf. Was mit einem ersten Aufenthalt begann, wurde zu einer langfristigen Verbindung: gemeinsame Radtouren, Schulbesuche in Frankreich und später auch Aufenthalte seiner Geschwister.
Das Kinderdorf im lettischen Grašu wurde im Jahr 1995 von katholischen Gläubigen um den Franzosen Christoph Alexandre auf dem Gelände eines ehemaligen Herrenhauses gegründet, das einst von Adligen Deutsch- Balten bewohnt wurde. In 30 Jahren hat die Einrichtung 176 Kinder aufgenommen. 52 von ihnen blieben bis zur Volljährigkeit im Kinderdorf, 59 Kinder wurden adoptiert oder fanden in Pflegefamilien ein neues Zuhause, 28 kehrten zu ihren Herkunftsfamilien zurück.
Heute leben dort 37 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwei und 17 Jahren, die von mehreren Erzieherinnen betreut werden. Dass Kinder sorgenfrei aufwachsen und sich geborgen fühlen, ist auch dem Bonifatiuswerk ein wichtiges Anliegen. Daher unterstützt es mit seiner Kinder- und Jugendhilfe das Kinderdorf. Außerdem ist die Einrichtung das Beispielspendenaktion der diesjährigen Erstkommunionaktion des Hilfswerkes.
(thmei, Children’s Village of Graši)