"DOWN & MEE(H)R BIETER AUSZEITEN FÜR FAMILIEN MIT KINDERN MIT TRISOMIE 21

"Komm mal Down"

„Down & Mee(h)r“ bietet Auszeiten für Familien mit Kindern mit Trisomie 21 (Foto: Adobe Stock)
„Down & Mee(h)r“ bietet Auszeiten für Familien mit Kindern mit Trisomie 21 (Foto: Adobe Stock)

21.03.2026

Anlässlich des heutigen Welt-Down-Syndrom-Tages rückt das Projekt “Down & Mee(h)r die gelebte Inklusion in den Mittelpunkt: Das Team um Dominik Wystup schafft Räume, in denen Menschen mit und ohne Down-Syndrom echte Gemeinschaft erleben können. Ein zentraler Bestandteil sind Wochenenden für Familien mit Kindern mit Down-Syndrom im Begegnungshaus St. Otto Zinnowitz (Usedom). Träger von “Down & Mee(h)r” ist die Caritas Vorpommern mit Sitz in Greifswald, gefördert wird die Initiative vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken – zuletzt mit der Summe von 5.100 Euro. Als Projektleiter treibt Wystup die Frage an, wie Teilhabe praktisch gelingen kann – nicht theoretisch, sondern mitten im Alltag. Im Interview spricht der Erzieher und Sozialpädagoge über seine Motivation und über Momente, die ihn persönlich besonders bewegt haben.

Herr Wystup, was sind, was sind die die größten Herausforderungen einer Familie mit Kindern mit Down-Syndrom?

Dominik Wystup: Die Herausforderungen sind bei jedem anders und auch immer vom Stand der Kinder und ihrer Entwicklung abhängig. Aber ein großes Thema ist die Betreuungssituation in Kita und Schule. Das irgendwie auf die Beine zu bringen, ist schwer. Weil es zu wenig Angebote gibt und weil das Thema Inklusion noch nicht so entwickelt ist, wie man sich das erhofft. Viele Eltern müssen sich unglaublich reinhängen – allein bei Genehmigungen, wenn sie zum Beispiel einen Schulbegleiter oder eine Integrationshilfe brauchen. Es ist leider immer mit Kampf verbunden. Und ich habe schon einzelne Familien erlebt, die über das Thema zerbrochen sind.

Was ist “Down & Mee(h)r” genau und woher kommt die Idee?

Dominik Wystup: Das Angebot richtet sich an Familien mit Kindern mit Down-Syndrom. Die Betonung liegt alle Familien – egal in welcher Form. Der Grundgedanke von Down & Mee(h)r ist, einen Raum zu schaffen, wo man sich treffen und austauschen kann. Alle sollen das gute Gefühl haben, man ist jetzt hier einfach mal „normal“, weil alle mehr oder weniger ähnliche Voraussetzungen mitbringen. Das Projekt ist auf meine Initiative entstanden. Gemeinsam mit Schwester Monika Ballani MMS aus dem Bereich Pastoral für Menschen mit Behinderung im Erzbistum Berlin haben wir die Idee weiterentwickelt und sind 2019 gestartet. Da ich selbst eine Tochter mit Down-Syndrom habe, kam mir aufgrund dieser Erfahrung die Idee, etwas zu entwickeln, um Familien mit Kindern mit Down-Syndrom eine Auszeit, ein Wochenende, ein Miteinander zu ermöglichen. Die Anregung kam zwar von mir, aber ohne enge Zusammenarbeit mit Schwester Monika Ballani  und ihre Unterstützung wäre das Projekt in dieser Form nicht möglich gewesen.

Welche Formate bieten Sie denn an?

Dominik Wystup: Der zentrale Punkt ist das sogenannte Familienwochenende, wo Familien gemeinsam Zeit verbringen. Da kommen schon mal 50 bis 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Das zweite ist unser Frauenwochenende “Komm mal Down” – nur für die Mütter und ohne Kinder. Es soll wirklich eine Auszeit sein. Die Teilnehmerinnen organisieren vorher, wo ihre Kinder betreut werden. Uns ist bewusst, dass den alleinerziehenden Müttern oft schwerfällt. Aber für sie haben wir das „Alleinerziehenden-Wochenende“. Zudem gibt es noch die so genannte Themenwochenenden mit Ärzten und Therapeuten, die Fragen zu Sprachentwicklung, geistiger Entwicklung oder Erziehungsproblemen beleuchten. Das ist aber keine Fachveranstaltungen im klassischen Sinne. Vielmehr geht es darum, dass die Ärzte oder Therapeuten außerhalb des Praxis-Alltags ein ganzes Wochenende mit Familien mit Down-Syndrom verbringen. Das führt auf Therapeuten-Seite zu einer ganzheitlichen Betrachtung.

 

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“Down & Mee(h)r” ist also eine Art Selbsthilfegruppe?

Dominik Wystup: Eine Selbsthilfegruppe soll es erst mal definitiv nicht sein. Die Erfahrung, die jede und jeder in unsere Veranstaltungen mitbringt, ist ja schon Hilfe in sich: „Wie hast denn du das mit der Schule geregelt?“ „Wie gehst denn du damit um, wenn das Kind wieder bockt?“ Und, und, und. Zu sehen, wie es andere machen, bringt viele ein großes Stück voran.  Und es hilft, sich selber noch mal zu verorten.

Was hat es mit dem Namen auf sich: “Down und mee(h)r”?

Dominik Wystup: Dass der Begriff „Down-Syndrom“ mit rein musste, war klar. Dann kam das Meer dazu, denn in Zinnowitz an der Ostsee ist das Projekt entstanden. Und mit dem „h“ wurde ein „Mehr am Meer“ draus. Der Begriff steht für mehr Inhalte, andere Orte, mehr Gefühle. Der Titel soll zeigen, dass das Projekt sehr offen für viele neue Ideen ist. Und wir haben ja inzwischen auch verschiedene Veranstaltungsformate, die unter dem Label „Down & Mee(h)r“ laufen.

Spielen Glaubensinhalte oder Exerzitienelemente eine Rolle?

Dominik Wystup: Den Glauben halten wir nicht raus. Es soll schon so sein, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Glauben in Berührung kommen. Jeder, der sich anmeldet, weiß auch, dass irgendwie das Thema Kirche im Raum steht. Aber jeder entscheidet, ob die spirituellen Angebote in Anspruch genommen werden. Es sind viele Familien dabei, die keinen kirchlichen Bezug haben.

Wie groß ist Ihr Einzugsgebiet?

Dominik Wystup: Die Leute kommen aus ganz Deutschland. Hauptpunkt ist meistens Berlin. Aber wir hatten auch schon Teilnehmer aus Österreich, aus Baden-Württemberg, aus Sachsen, Thüringen – alsoschon teils von weit weg. Aus Mecklenburg-Vorpommern haben wir interessanterweise eher wenig Resonanz. Da habe ich keine echte Erklärung dafür.

Wie wichtig ist und war die Förderung durch das Bonifatiuswerk?

Dominik Wystup: Je ein Drittel trägt das Bonifatiuswerk, das Erzbistum Berlin und die Caritas der Kosten. Das Bonifatiuswerk hilft uns also, die Sachkosten zu decken. Die Familien entrichten 20 Euro Kursgebühren. Damit kann ich natürlich nichts finanzieren in irgendeiner Form. Aber viel eine höhere Kursgebühr könnten wir nicht nehmen.

Kommen wir noch einmal auf Ihre Erfahrungen zurück: Sie haben eine Tochter mit Down-Syndrom. Wie verhalten sich Menschen ohne Behinderung ihr gegenüber? 

Dominik Wystup: Bis auf eine kleine Situation haben wir nicht erlebt, dass mal ein dummer Spruch oder so was kam. Es gab mal eine Ärztin, die fragte mich: Habt ihr das nicht vorher gewusst? Den Spruch hätte sie sich jetzt sparen können. Es war noch nicht mal böse gemeint, aber sie wollte darauf hinaus, dass man sich während der Schwangerschaft hätte anders entscheiden können. Grundsätzlich wurden und werden wir überall freundlich aufgenommen. Jetzt haben wir sicherlich auch eine Tochter, die sehr gewinnende, sehr freundliche Ausstrahlung hat und es ihr dadurch leicht fällt, Sympathien zu erhaschen. 

(sah)