INTERVIEW ZUR FIRMAKTION MIT MONSIGNORE GEORG AUSTEN
24.05.2026
Warum die Firmung mehr als ein Ritual ist und sie Jugendliche dabei stärkt, Herausforderungen anzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und ihren Lebensweg aktiv zu gestalten, erklärt Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen im Interview. Die Fragen stellte Theresa Meier.
Das Leitwort des diesjährigen Firmaktion des Bonifatiuswerkes „#BaustelleLeben“ klingt nach Herausforderung und Wachstum zugleich. Wie kann die Firmung jungen Menschen helfen, diese Baustellen konstruktiv zu gestalten?
Msgr. Georg Austen: Die Firmung ist ein Ereignis. Junge Menschen entscheiden sich bewusst für den Empfang des Sakraments. Sie suchen und finden Halt und Orientierung im Glauben. Mit unserer aktuellen Firmaktion möchten wir die jungen Menschen auf ihrem Weg zur Firmung dazu ermutigen, sich ganz bewusst als Bauleute ihres Lebens und Glaubens zu erfahren und auch am Haus der Kirche mitzubauen. Sie werden darin bestärkt, sich mit den großen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen, ihren Glauben zu reflektieren und auskunftsfähig darüber zu werden. Das Leitwort greift sehr treffend die Lebenssituation junger Menschen auf. Ihr Alltag ist oft geprägt von Veränderung, Unsicherheit und offenen Fragen. Auch auf einer ‚Baustelle Leben‘ gibt es Phasen von Chaos, Stillstand und Unsicherheit. Genau darin liegt aber eine Chance. Die Firmung zeigt, dass sie auf Gottes Beistand und die Gemeinschaft der Kirche bauen können, um in ihrer `Baustelle Leben‘ Schritt für Schritt zu wachsen, wichtige Entscheidungen zu treffen und ihr Leben aktiv zu gestalten.
Kann man die Firmung als eine Art „Baustellenwerkzeug“ verstehen?
Msgr. Georg Austen: Ja, in gewisser Weise. Für mich ist die Firmung wie das Überreichen eines geistlichen Werkzeugkastens. Darin liegen Dinge wie Mut, Vertrauen, Orientierung und die Fähigkeit, Gemeinschaft zu leben. Aber entscheidend ist: die Werkzeuge stellen wir nicht selbst her. Sie werden uns durch den Heiligen Geist geschenkt. Der Heilige Geist ist gewissermaßen die Kraftquelle dieses Werkzeugkastens. Er erinnert uns daran, welche Werkzeuge wir haben, und hilft uns, sie im richtigen Moment zu gebrauchen. Mut wächst dann, wenn ich mich unsicher fühle. Vertrauen trägt, wenn ich zweifle, Orientierung entsteht, wenn ich in Sackgassen gerate. Deshalb spreche ich bewusst von einem geistlichen Werkzeugkasten. Es geht nicht nur um Haltungen, die ich mir antrainiere, sondern um eine lebendige Beziehung zu Gott, die mich stärkt und verändert. In der Firmung wird genau das zugesagt: ‚Du bist nicht alleine unterwegs. Gottes Geist geht mit dir und rüstet dich für die Baustelle deines Lebens aus.‘
Viele Gemeinden bieten mithilfe der Begleitmaterialien des Bonifatiuswerkes kreative Firmvorbereitungen an. Welche innovativen Wege motivieren Jugendliche besonders, sich mit dem Sakrament auseinanderzusetzen?
Msgr. Georg Austen: Digitale Formate wie Videos, Social-Media-Aktionen oder Online-Gruppenstunden bieten spannende Möglichkeiten, Glaube in der Lebensrealität der jungen Erwachsenen greifbar zu machen. Sie ermöglichen Jugendlichen, sich auf Augenhöhe einzubringen und Themen kreativ zu entdecken – ohne dass der persönliche Kontakt wegfällt, er wird dadurch ergänzt.
Mit unserem Begleitmaterial und den zusätzlichen Online-Angeboten, die Impulse für Austausch und persönliche Reflexion bieten, möchten wir als Bonifatiuswerk eine Katechese fördern, die auf Dialog, Kreativität, Glaubensgespräche und Gottesdiensterfahrungen sowie aktive Beteiligung setzt. Digitale Möglichkeiten verstehen wir dabei als einen wichtigen Bestandteil dieses Ansatzes. Daher stellen wir seit drei Jahren eine kostenfreie Firm-App bereit, die inzwischen von mehr als 13.500 Personen und Gruppen genutzt wird. Sie bietet unter anderem Funktionen zur Organisation von Terminen, für Umfragen und Quizze sowie einen Bereich mit geistlichen Anregungen. Dadurch entstehen neue Zugänge, die die Arbeit in den Firmgruppen sinnvoll erweitern. Als digitales Werkzeug unterstützt die App sowohl die Verantwortlichen in der Katechese als auch die Firmbewerberinnen und -bewerber bei der inhaltlichen Gestaltung und der Organisation der Firmvorbereitung in Gemeinden in ganz Deutschland und darüber hinaus in deutschsprachigen Ländern.
Wie kann die Firmung Jugendlichen Mut machen, Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere zu übernehmen?
Msgr. Georg Austen: Die Firmung macht bewusst, dass wir Teil einer größeren Gemeinschaft sind – in der Kirche und natürlich auch in der Gesellschaft. Sie ermutigt dazu, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen, sei es im Gemeindeleben, im sozialen Bereich, in der Jugendarbeit oder im Alltag. Jugendliche sollen erkennen, dass ihr Handeln Bedeutung hat – auch gesellschaftlich in einer von Unsicherheiten geprägten Welt – und dass sie selbst für ein solidarisches Miteinander einstehen können. So wird die Firmung zu einem Ereignis, das nicht nur geistig stärkt, sondern auch gesellschaftlich Orientierung und Mut gibt.
Warum entscheiden sich wieder mehr Erwachsene für den Empfang der Sakramente wie Taufe, Erstkommunion und Firmung?
Msgr. Georg Austen: Das kann man natürlich nicht pauschal beantworten, aber in meiner Arbeit und meinen Begegnungen merke und sehe ich, dass sich aus unterschiedlichen Gründen mehr Erwachsene bewusst für die Sakramente wie Taufe und damit verbunden Erstkommunion und Firmung entscheiden. Viele hatten in ihrer Kindheit keine Gelegenheit oder keinen Bezug dazu oder wollten die Schritte damals nicht gehen. Heute stehen sie mit eigener Lebenserfahrung da, suchen Orientierung und eine geistliche Heimat und treffen eine bewusste Entscheidung für ihre christliche Identität. Nach der Taufe folgt meist der Empfang der Erstkommunion und der Firmung. Das sind Entscheidungen, die die eigene Verantwortung für das Leben im Glauben sichtbar machen. Die Erwachsenfirmung kann so zum Ausdruck eines reflektieren Prozesses im Leben sein und zeigt, dass Glaubenswege vielfältig und nicht an ein bestimmtes Alter gebunden sind. Die Chance und Herausforderung für uns ist doch: Wie begleiten wir diese Wege erwachsenen Glaubens? Wo und wie finden die Menschen eine lebendige Gemeinschaft, die anziehend ist, die trägt und ‚geistliche Nahrung‘ gibt?
In den Firmgottesdiensten wird traditionell für die Kinder- und Jugendhilfe des Bonifatiuswerkes gesammelt. Welches Projekt steht in diesem Jahr stellvertretend im Mittelpunkt?
Msgr. Georg Austen: Im Jahr 2026 kommen die Spenden der Firmbewerberinnen und Firmbewerber beispielhaft dem Caritas Kinder- und Jugendhaus St. Vinzenz in Erfurt zugute. Die Einrichtung bietet Kindern und Jugendlichen ein sicheres Zuhause, die nicht mehr bei ihren Familien leben können. Viele von ihnen mussten Gewalt oder Vernachlässigung erfahren. Im Alltag finden sie in dieser Einrichtung Stabilität, feste Strukturen und verlässliche Unterstützung. In kleinen Wohngruppen erleben sie Gemeinschaft und lernen, ihren Lebensweg neu zu gestalten. Außer schulischer und beruflicher Förderung spielen auch der Aufbau von Vertrauen, die Entwicklung von Eigenständigkeit und die persönliche Reifung eine wichtige Rolle. So eröffnet das Haus den jungen Menschen die Möglichkeit, neue Chancen zu ergreifen und ihre Zukunft positiv zu gestalten.
Wenn Sie an Ihre Firmung zurückdenken, welche Erinnerungen sind Ihnen im Herzen geblieben?
Msgr. Georg Austen: Bei uns im Dorf war sie praktisch im Schulalltag integriert. Sie wurde nach der Vorbereitung an einem Werktag gespendet. Für mich war die Firmung eine Bestärkung, mich im Jugendverband der katholischen Landjugendbewegung zu engagieren.
(thmei)