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Atmen, Beten, Staunen

Mit dem Bonifatiuswerk auf Exerzitienreise im Baltikum

Estlandreise des Bonifatiuswerk im Juli 2026. Foto: Theresa Brautmeier

Estlandreise des Bonifatiuswerk im Juli 2026. Foto: Theresa Brautmeier

Zeit für sich, Zeit für Gott, Zeit für Gemeinschaft: Das Bonifatiuswerk bietet spirituelle Reisen zum inneren und äußeren Erforschen an - mit Besichtigungen und Exerzitien. Eine solche Estland-Tour habe sie bereichert, sagen Teilnehmende. Während der Reise lernten sie verschiedene Formen des kontemplativen Betens sowie das kirchliche Leben in der Diaspora kennen.

In der Früh Birgittenschwestern beim Gesang der Laudes lauschen, abends den Tag mit einem spirituellen Impuls am Ostseestrand ausklingen lassen: Gottesdienste, Gebete und Kontemplation gehörten genauso zum Programm der Exerzitienreise des Bonifatiuswerkes nach Estland und Finnland wie touristische Spaziergänge durch die Hauptstädte Tallinn und Helsinki. 

„Ich hatte mir Anregungen für meinen neuen Lebensabschnitt gewünscht“, erzählt zum Beispiel Christiane Milewsky. Nach jahrelanger Arbeit für das Bistum Hildesheim ist sie vor kurzem in Rente gegangen, bleibt aber ehrenamtlich weiter Ansprechpartnerin im Bistum für das Hilfswerk und stieß so auch auf die Estlandreise. Sie hatte bereits an Sport-Exerzitien und Begegnungstagen teilgenommen und war jetzt neugierig auf die angebotene Kombination aus Exerzitien und touristischen Elementen. Nach fünf Tagen in Estlands Hauptstadt Tallinn samt Abstecher ins finnische Helsinki findet Milewsky, dass das Konzept aufgegangen ist. „Mir geht es jetzt gut“, sagt sie am Ende der kleinen Auszeit. „In meinen Alltag nehme ich mir mit, immer wieder einfach in Stille zu sein.“ Das, so wünscht sie sich, kann dann auch ihre Beziehung zu Gott neu beleben. So will sie versuchen, auch künftig immer wieder das Atmen mit Gebets- und Psalm-Worten zu verbinden, so wie sie es in diesen Tagen von Pater Lucas Wieshuber gelernt hat. 

Der Dominikaner hat die 15-köpfige Reisegruppe als Kontemplationslehrer begleitet und angeleitet. „Ich wollte den Menschen das kontemplative Beten mitgeben: Still werden, sich mit der eigenen Quelle verbinden und in die diese Quelle immer tiefer hineintauchen“, erklärt er. „Damit sie Verbindung herstellen und Kraft daraus schöpfen.“ Das Bonifatiuswerk habe ihn gebeten, dabei verschiedene Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen. 

So begann er zum Beispiel eine Übungseinheit mit musikalischer Einstimmung durch das meditative Stück „Spiegel im Spiegel“ des estnischen Komponisten Arvo Pärt; ein anderes Mal gab er den Teilnehmenden Texte des Dichters Rainer Maria Rilke und des Mystikers Johannes Tauler an die Hand oder stellte die Methoden des „inneren Erforschens“ vor, genauso Geh- und Herzmediationen. Ein zentraler Punkt war seine Einführung in das sogenannte Herzens- oder Jesusgebet, das alle christlichen Konfessionen kennen und bei dem der Name Jesu mit dem Atem verbunden wird, traditionell ausatmend mit den Worten „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes“ und einatmend „erbarme dich meiner“.   

Der rote Faden seiner Anleitungen, so der Ordensmann, sei genau dieses kontemplative Gebet im Rhythmus von Ein- und Ausatmen. „Es geht darum, dich einzulassen und in Freiheit das zu nehmen, was dir guttut.“  Oder auch nicht, denn mehrere Teilnehmer, darunter auch Christiane Milewsky, fanden etwa das lange, auf einem Stuhl sitzende Ausharren zu anstrengend und gingen stattdessen sinnierend im Klostergarten spazieren. „Das haben sie gut gemacht“, findet Pater Lucas, „denn wichtig ist immer, in den Moment zu kommen. Und da soll jeder seine Form finden.“ 

Die besondere Form der Exerzitien auf der Bonifatiuswerkreise mit ihren besinnlichen wie touristischen Momenten sieht Pater Lucas als „gute Mischung aus einerseits ein Land und das katholische Diasporaleben dort kennenzulernen und sich andererseits mit sich selbst und Gott zu beschäftigen.“ 

Vor Beginn der eigentlichen, zweitägigen Exerzitien stand ein Tag mit geführter Besichtigung der UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt von Tallinn samt Treffen mit Bischof Philippe Jean-Charles Jourdan in der kleinen katholischen Kathedrale; in Helsinki feierte die Gruppe einen Gottesdienst mit Generalvikar Jean-Claude Kabeza und schaute sich erst die Arbeit der nationalen Caritas und dann die Innenstadt an. 

Mit dabei war auch Regina Pätzold, Ökonomin im Bistum Görlitz und damit, wie sie sagt, „selbst ein Kind der Diaspora, das die Arbeit des Bonifatiuswerkes seit Langem schätzt.“ Weswegen sie auf der Reise auch die Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen der Minderheitenkirchen Estlands und Finnlands besonders fasziniert haben, sie habe eine „Aufbruchstimmung“ ausgemacht. Eindrücklich fand sie auch zu erleben, wie nah Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine im Baltikum zu spüren ist. 

Mit Blick auf die Exerzitien sei sie eingangs skeptisch gewesen, ob denn zwei Tage ausreichen könnten. Am Ende sei es aber für sie so „sehr passend“ gewesen. Gut fand sie die Freiheit, jederzeit das für einen selbst Passende auswählen zu können. Sie selbst hätte sich an den eigentlichen Exerzitientagen noch konsequentere Stille zum Beispiel während der Mahlzeiten gewünscht. Aber auch damit, versichert sie, sei sie zurechtgekommen und habe die Tage insgesamt als „bereichernd“ erlebt. Als „eher verkopfter Mensch“ habe sie nun noch einmal neu verstanden, wie wichtig Zeiten der Stille sind, um mit sich selbst und Gott in Kontakt zu sein. 

(Hilde Regeniter)

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