Der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke war zum Fest des Heiligen Olav mit dem Bonifatiuswerk in der Prälatur Trondheim in Norwegen unterwegs. Im Interview spricht er über das Leben in der Diaspora und über die AfD.
Herr Weihbischof Hauke, Sie waren mit einer Pilgerreisegruppe des Bonifatiuswerkes unterwegs in der Diaspora in Norwegen. Sie selbst kommen aus der Diaspora in Ostdeutschland. Was fällt Ihnen im Vergleich auf?
Ich sehe viele Parallelen. Man merkt auf jeden Fall, dass es frohe Christen sind, auch wenn sie in Vereinzelung leben. In Trondheim haben wir auffällig viele junge Menschen getroffen. Offenbar lassen sich junge Menschen ansprechen vom Glauben. Spannend ist, inwieweit sich dies auf die Strukturen in den Gemeinden auswirkt. Das kommt auch auf die heimischen Gläubigen an. Mich hat beeindruckt, wie wir etwa bei der Prozession in Stiklestad erlebt haben, dass es viele junge Menschen sind, die das Prozessionsleben und das Wallfahrtsleben verlebendigen. Dafür kann man einfach nur dankbar sein.
Die Liturgie hier ist oft traditioneller, als wir es von vielen Gemeinden in Deutschland heute gewohnt sind.
Das ist ein Phänomen, was ich auch bei uns feststellen kann, dass junge Menschen sich durch traditionelle Formen ansprechen lassen, wie etwa in der lateinischen Sprache. Bei uns stellt sich dann die Frage, inwieweit die übrige Gemeinde das akzeptiert. Ich vermute, von der Tendenz her sind junge Menschen heute wieder auf der Suche nach ordentlichen, klaren Formen für ihr geistliches Leben.
Sie haben im Gespräch mit Bischof Erik Varden, Vorsitzender der Nordischen Bischofskonferenz, gesagt, auch mit einer Minderheit von drei Prozent kann man gut Katholik sein. Inwiefern?
Das Leben in der Minderheit bringt natürlich eine gewisse Nähe zueinander. Bei unseren Wallfahrten kommen gut 2.000 Menschen zusammen. Und doch ist es eher ein Familientreffen. Diese familiäre Atmosphäre bringt gewisse Vorteile im Vergleich zu Diözesen mit einem hohen Katholikenanteil. Jesus hat ja keine Volkskirche gewollt, sondern er wollte die Entscheidungskirche, also die Einzelnen, die sich entschieden haben. Und wenn das viele sind, dann entsteht eine größere Gemeinschaft daraus.
Die katholischen Gemeinden in Norwegen sind von Gegensätzen geprägt, und die Gemeinden haben gelernt, damit umzugehen. Mehr als 100 Nationen kommen hier zusammen. Was können wir in Deutschland daraus lernen?
Die katholische Kirche, die christlichen Gemeinschaften überhaupt, sind sowas wie ein Probebereich, inwieweit eine Vielfalt von kulturellen Traditionen möglich ist. Wir erleben das bei uns in Diözesen am Randgebiet zu Polen, wo viele polnische Katholiken nach Deutschland kommen und das Gemeindeleben prägen. Wir erleben es in anderen Sprachgruppen oder zum Beispiel durch afrikanische Priester, die eine andere kulturelle oder spirituelle Prägung mitbringen. Es ist auf jeden Fall immer eine Möglichkeit, eine Christusbeziehung zu bekommen durch eine andere christliche Kultur. Das halte ich für wertvoll.
Sie haben sich in einer Stellungnahme sehr kritisch zur AfD geäußert und ihrer Haltung zur Kirche. Was haben Sie danach für Reaktionen bekommen?
Ich war sehr verwundert, dass es so eine große Reaktion gab. Ich habe mich in meiner Stellungnahme auf meine Biografie bezogen, die eben zehn Jahre lang pastorale Arbeit im Sozialismus bedeutete. Meine ganze Biografie von Kindesbeinen an hat mich sehr aufmerksam gemacht auf das demokratische Denken, also das Denken in einer großen Vielfalt, in einer Offenheit füreinander. Und ich habe den Eindruck, dass in den Programmen der AfD so manches infrage gestellt wird, was für uns nach der Wende Gott sei Dank eine Selbstverständlichkeit geworden ist, nämlich ein freies Denken im Bereich der Presse, im Bereich der Gemeinden, dass wir die Vielfalt schätzen gelernt haben und nicht wieder durch irgendeine Denkweise geprägt werden wollen.
Es ging in Ihrer Stellungnahme auch um die Kirchenfinanzen, die durch die AfD infrage gestellt werden.
Wir sind in dieser Gesellschaft in Deutschland als Kirche anerkannt und werden finanziell unterstützt. Das wird durch das Wahlprogramm der AfD zumindest in Sachsen-Anhalt infrage gestellt. Da sehe ich viele Probleme auf uns zukommen, etwa im Bereich der Caritas mit ihrer Hilfe, die über Jahre aufgebaut wurde. Wir werden sicherlich als Kirche auch ohne Staatsleistungen weiterhin existieren, aber dann in einer Form, dass sich manche, die jetzt die AfD wählen wollen, noch wundern werden.
Zurzeit blicken viele nach Ostdeutschland, wegen der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Aber die AfD hat auch bundesweit in Umfragen zurzeit die höchsten Werte. Unterschätzt der Westen das Potenzial dieser Partei?
Ich habe zumindest die Befürchtung, dass es unterschätzt wird. Ich kann durch die Diskussionen innerhalb der Bischofskonferenz erahnen, dass man annimmt, das wird nicht so schlimm werden. Aber wir sehen ja an den Prozentzahlen in anderen Ländern, dass es für solche Parteien eine breite Zustimmung gibt, warum auch immer. Es scheint ein Bestreben zu sein, mehr Sicherheiten und Klarheiten zu bekommen. Aber diese Sicherheit darf nicht bedeuten, dann man andere ausgrenzt. Ich denke, das demokratische Prinzip bedeutet, dass ich eine Vielfalt zulasse.
(THI)

