„Keiner soll alleine glauben“: Unter diesem Leitwort stand am Sonntag der Radiogottesdienst des Bonifatiuswerkes aus der St.-Severi-Kirche in Erfurt. Der Gottesdienst wurde vom Sender MDR Kultur übertragen und von der katholischen Innenstadtpfarrei St. Laurentius in Erfurt mitgestaltet. Im Mittelpunkt standen Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung, Wertschätzung und Zusammenhalt.
Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen ging in seiner Predigt auf den Propheten Ezechiel ein, der von Gott als Wächter bestellt worden war. „Ein Wächter hält nicht Ausschau, um Menschen zu überwachen. Er steht auf seinem Posten, damit niemand unbemerkt ins Unglück läuft. Wegsehen wäre bequemer. Schweigen wäre einfacher. Aber Gott sagt: Du trägst Mitverantwortung für deinen Bruder und deine Schwester, deinen Nächsten“, sagte Monsignore Austen.
„Nicht übereinander, sondern miteinander reden“
Jesus habe diesen Gedanken aufgegriffen: „Wenn einer auf einen falschen Weg gerät, dann gib ihn nicht auf. Rede mit ihm. Suche das Gespräch, den Dialog. Bemühe dich um Versöhnung. Das Ziel ist nie, einen Menschen bloßzustellen. Das Ziel ist immer, ihn wertzuschätzen und zurückzugewinnen“, betonte Austen. Diese Haltung würde unserer Zeit guttun. In den sozialen Medien genüge oft ein Satz oder ein Bild, und Menschen würden schnell abgestempelt. „Auch in Familien und Freundeskreisen gibt es Themen, über die kaum noch gesprochen werden kann, weil die Fronten so verhärtet sind. Das Evangelium zeigt einen anderen Weg: nicht übereinander, sondern miteinander reden. Nicht verurteilen, sondern den ersten Schritt wagen“, sagte der Bonifatiuswerk-Generalsekretär. Dazu brauche es Mut, Wahrheit, Liebe und Respekt voreinander.
Monsignore Austen ging auch auf die Diaspora-Situation insbesondere in Ostdeutschland ein. „Hier bei uns in Deutschland ist Kirche vielerorts kleiner geworden. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern gehören fast 80 Prozent der Bevölkerung offiziell keiner christlichen Kirche an“, sagte er. Viele ältere Menschen fragten sich, wer ihre Gemeinde einmal lebendig halten werde. „Das Bonifatiuswerk hilft seit Generationen genau dort, wo Menschen ihren Glauben in einer Minderheitensituation leben. Es unterstützt Gemeinden, Familien, Kinder und Jugendliche sowie sozial-karitative Einrichtungen und ermöglicht Seelsorge an Orten, an denen sie sonst kaum möglich wäre“, unterstrich der Generalsekretär.
Glaube lebt von Gemeinschaft, Gebet und Solidarität
„Mit Hilfe unserer Spenderinnen und Spender sowie mit einem Dank für ihre treue Solidarität konnte das Bonifatiuswerk allein in Ostdeutschland Projekte mit vielen Millionen fördern: mehr als 700 Millionen D-Mark in der DDR-Zeit und umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro seit der Wiedervereinigung“, sagte Austen. Hinzu kommen jährliche Förderungen in Millionenhöhe für katholische Kindergärten, Religiöse Kinderwochen (RKW), BONI-Busse, Klöster, Gemeinde- und Kirchbauten sowie karitative Einrichtungen.
Am Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ging der Bonifatiuswerk-Generalsekretär auch auf die Wahl und das Thema Demokratie ein: „Für uns Christinnen und Christen ist die Wahl auch eine geistliche Aufgabe. Denn unser Glaube hat immer Folgen für unser Handeln.“ Jeder Einzelne sollte sich fragen, ob das, was er unterstütze, der Würde jedes Menschen diene. „Fördert es den Zusammenhalt oder vertieft es die Spaltung? Gibt es Hoffnung für die Schwachen, für Familien, für Alte, Kranke und Kinder? Wird Wahrheit gesucht oder werden Ängste geschürt? Werden Brücken gebaut oder Mauern errichtet?“, fragte der Priester. „Als Bonifatiuswerk wissen wir: Wer die Kirchen schwächen will, schwächt auch die professionellen Strukturen, ohne die unsere Spendenhilfe nicht zu organisieren wäre. Wer dieser Solidarität und dem freiwilligen Engagement den Boden entzieht, schwächt auch den Zusammenhalt im ganzen Land.“
„Andere nicht allein lassen“
Demokratie lebe nicht nur von Mehrheiten, sie lebe vor allem von Menschen mit Gewissen und gelebten Haltungen. Monsignore Austen: „Unsere Welt braucht nicht mehr Rechthaber. Sie braucht Menschen, die aus dem Evangelium heraus leben. Menschen, die zuhören. Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die andere im Glauben und im Leben nicht allein lassen. Bitten wir den Herrn, dass wir solche Menschen werden. Dann wird auch durch uns erfahrbar, was das Bonifatiuswerk als sein Leitwort gewählt hat und was zutiefst dem Evangelium entspricht: Keiner soll alleine glauben.“
Der Radiogottesdienst stieß auf großes Interesse. Nach Angaben des MDR verfolgen mehr als 200.000 Hörerinnen und Hörer die sonntäglichen Hörfunkgottesdienste des Senders. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst vom Mädchen- und Knabenchor am Erfurter Dom unter der Leitung von Elisabeth Lehmann-Dronke und Thomas Hofereiter. An der Orgel musizierten Jonas Schauer und Bernhard Klug.
Die St.-Severi-Kirche bildet gemeinsam mit dem Erfurter Dom St. Marien das markante Wahrzeichen der thüringischen Landeshauptstadt. Der heutige gotische Kirchenbau mit seiner eindrucksvollen fünfschiffigen Staffelhalle prägt das Stadtbild seit dem späten 13. Jahrhundert und bot einen besonderen Rahmen für den Gottesdienst.
Als Hilfswerk für den Glauben und die Solidarität unterstützt das Bonifatiuswerk seit mehr als 175 Jahren katholische Christinnen und Christen, die ihren Glauben in der Diaspora leben, dort, wo sie als Minderheit auf Ermutigung, Gemeinschaft und konkrete Hilfe angewiesen sind. Im Bistum Erfurt hat das Hilfswerk in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Projekte mit seiner Glaubenshilfe, Kinder- und Jugendhilfe sowie Bauhilfe unterstützt. Auch die markanten gelben BONI-Busse sind regelmäßig in Erfurt und ganz Thüringen unterwegs.





