Sechs Tage, dreizehn junge Menschen, viele Kilometer: Eine ungewöhnliche Pilgerreise per BONI-Bus von Viljandi (Estland) ins lettische Aglona hat jungen Menschen einen neuen Zugang zu Glaube und Kirche eröffnet. Was bedeutet Glaube in einem Land, in dem Religion für viele Menschen kaum eine Rolle spielt? Und wie kann Kirche junge Menschen erreichen, die neugierig auf Spiritualität sind, aber mit traditionellen Formen wenig anfangen können? Diesen Fragen gingen die jungen Pilger nach. Viele der Jugendlichen verfügen über kein eigenes Einkommen. Dass sie dennoch an der Wallfahrt teilnehmen konnten, wurde durch die Unterstützung des Bonifatiuswerkes ermöglicht.
Aglona ist einer der bedeutendsten katholischen Wallfahrtsorte des Baltikums. Die barocke Basilika Mariä Himmelfahrt ist das wichtigste katholische Heiligtum Lettlands; alljährlich kommen dort zum Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August Hunderttausende Pilger zusammen. Für die jungen Esten war der Weg nach Aglona zugleich eine Entdeckungsreise. Die Pilgergruppe war bunt zusammengesetzt: Einige Teilnehmer hatten gerade ihren Wehrdienst beendet, andere arbeiten, studieren Religionswissenschaften in Tartu oder stehen kurz vor dem Abitur. Auch konfessionell war die Gruppe vielfältig – die katholischen Teilnehmer waren sogar in der Minderheit. So wurde die Wallfahrt zu einer ökumenischen Erfahrung.
Begleitet wurden die Jugendlichen von drei Dominikanern. Gemeinsam wurde gebetet, gewandert, diskutiert und Gottesdienst gefeiert. Besonders beeindruckend war für die Dominikaner die Neugier der Jugendlichen. Was sind die Beweise für die Auferstehung? Kann man schlecht beten? Wie sollen wir die Bibel interpretieren? Wie seid ihr zum Dominikanerorden gekommen? Die Fragen wollten kaum ein Ende nehmen. Aus ihnen entwickelten sich intensive Gespräche über Glauben, Zweifel, Kirche und das eigene Leben.
Für die Jugendlichen war zugleich die unmittelbare Begegnung mit Ordensleuten etwas Besonderes. In Estland gibt es nur wenige katholische Ordensgemeinschaften. Der Dominikanerbruder Alain Arnould ist dort der einzige männliche Ordensangehörige seiner Gemeinschaft. Umso intensiver erlebten die Jugendlichen die gemeinsame Woche mit den drei Brüdern. Sie lernten das Ordensleben nicht aus Büchern kennen, sondern im persönlichen Gespräch und im gemeinsamen Alltag – und entdeckten dabei auch die Menschen hinter der Klostermauer: ihre Interessen, ihre Bildung, ihre Begeisterung für Musik, Kunstgeschichte und Philosophie.
Eine wichtige Rolle spielte deshalb auch die Musik. Bruder Gabrielus, der in Litauen und Frankreich Musik studiert hatte, leitete die musikalische Gestaltung der Gottesdienste. Gemeinsam sang die Gruppe zahlreiche geistliche Lieder. So wurde die Wallfahrt nicht nur zu einem Weg des Gebets, sondern auch zu einem Raum für Gemeinschaft und Begegnung. In Aglona schlossen sich dominikanische Mitbrüder aus Vilnius und litauische Jugendliche der Gruppe an. Damit entstanden neue Verbindungen zwischen jungen Menschen und den dominikanischen Gemeinschaften in Estland und Litauen.
Die Wallfahrt habe ihnen Raum gegeben, offen Fragen zu stellen und eigene Vorstellungen über die katholische Kirche neu zu betrachten, so Bruder Alain Arnould. Am Ende war der Weg nach Aglona deshalb weit mehr als eine Reise zu einem Wallfahrtsort. Für die jungen Esten wurde er zu einer Woche des Suchens, Fragens und Entdeckens – und zu einer Erfahrung, dass christlicher Glaube mitten in der Diaspora lebendig sein kann und ist. Genau darin liegt die Hoffnung dieser Initiative: dass junge Menschen ihren eigenen Weg zu Spiritualität und Glauben finden und das Erlebte in ihren Alltag mitnehmen.
(SAH)

