Moderne Kirchbauten, engagierte Christinnen und Christen und gelebter Glaube – die Kirche in Ostdeutschland ist eine Minderheit, aber selbstbewusst und lebendig. Davon haben sich der Bonifatiusrat und der Vorstand des Bonifatiuswerkes bei der jährlichen Informationsreise überzeugt, die am Wochenende in die Bistümer Dresden-Meißen und Magdeburg führte. Das Aufsichtsgremium des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken war unter anderem zu Gast in der Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig sowie in der Moritzkirche in Halle (Saale) sowie an weiteren Orten, wo das Spendenhilfswerk mit seiner Diaspora-Hilfe kirchliche Projekte unterstützt.
„Es war beeindruckend zu sehen, mit wieviel Hoffnung im Herzen sich hier Christinnen und Christen in der Diaspora einbringen“, sagte Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes. „Gerade mit Blick auf die zum Teil kirchenfeindlichen Töne und Tendenzen bei den jüngsten Wahlen in Ostdeutschland machen uns diese Brüder und Schwestern Mut. Die katholische Kirche in Ostdeutschland stärkt den Zusammenhalt. Zugleich braucht sie unsere Solidarität in schwierigen Zeiten und aktuellen Herausforderungen.“
Den Neubau der Leipziger Propsteikirche St. Trinitatis, die im Mai 2015 geweiht wurde, konnte das Bonifatiuswerk mit 4,2 Millionen Euro aus der Bauhilfe und zweckgebundenen Spenden unterstützen. Es war der größte Kirchenbau in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung. Bei seinem Besuch konnte sich der Bonifatiusrat ein Bild davon machen, wie gut die Kirche im Zentrum Leipzigs heute angenommen wird und als Anziehungspunkt auch in die Stadt hinein wirkt. „Hier ist die katholische Kirche mittendrin“, sagte Monsignore Austen. Dies zeige, dass es die richtige Entscheidung des Bonifatiuswerks war, dieses Projekt finanziell und ideell zu unterstützen, auch gegen manche Widerstände und Bedenken. Bonifatiuswerk-Präsident Manfred Müller gratulierte der Gemeinde: „Es ist etwas Großartiges daraus geworden, weil Sie diese Kirche mit Leben füllen.“
Im Leipziger Norden wurde das neue Pfarrzentrum St. Georg Leipzig Nord mit 125.000 Euro durch das Bonifatiuswerk gefördert. Ein einladender Anbau an die alte Kirche bietet nun mehrere Räume für Kinder- und Jugendarbeit, Katechese, Musik und Gemeindetreffen. Der Bonifatiusrat lernte bei seinem Besuch auch das besondere Miteinander mit der spanischsprachigen katholischen Gemeinde kennen. Durch die hohe Zahl venezolanischer Flüchtlinge in Leipzig ist diese Gruppe hier stark gewachsen. Gemeindereferent Oliver Cabera betonte das gute Miteinander und den gegenseitigen Austausch der deutschen und spanischsprachigen Katholiken in der Gemeinde: „Wir wachsen gemeinsam, nicht nebeneinander.“ Der Bonifatiusrat zeigte sich beeindruckt, wie mit den Spendenmitteln aus ganz Deutschland nicht nur ein neues Gebäude entstanden ist, sondern wie dieses auch mit Leben gefüllt wird. „Man kann hier in Leipzig ein Stück Weltkirche erleben“, sagte Präsident Manfred Müller. Dies sei gerade auch mit Blick auf fremdenfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft ein wichtiger Impuls der Kirche.
In Leipzig traf sich der Bonifatiusrat auch zum persönlichen Austausch mit Diözesanadministrator Andreas Kutschke, der dieses Amt im Bistum Dresden-Meißen nach dem Rücktritt von Bischof Heinrich Timmerevers Anfang September übernommen hat. Im Gespräch ging es um die aktuellen und zukünftigen finanziellen und pastoralen Herausforderungen des Bistums Dresden-Meißen, auch im Zusammenhang mit den anderen ostdeutschen Diaspora-Bistümern – und wie das Bonifatiuswerk mit seiner Unterstützung dabei auch künftig zur Seite stehen kann. Der Diözesanadministrator bedankte sich bei den Spenderinnen und Spendern für die langjährige Hilfe durch Bauhilfe, BONI-Busse und die nach wie vor wertvollen Religiösen Kinderwochen (RKW).
Eine außergewöhnliche Form der christlichen Spiritualität und Lebensweise lernte der Bonifatiusrat zu Gast bei den Kleinen Brüdern vom Evangelium kennen. Die drei einzigen in Deutschland lebenden Brüder dieser Ordensgemeinschaft wohnen in einem Plattenbauviertel im Leipziger Westen. Dort führen sie ein schlichtes Leben, geprägt von Gebet und Kontemplation. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit einfachen Berufen. Bruder Andreas Knapp ist auch als Buchautor und Dichter bekannt, zum Beispiel mit seinen Gedichten für die Weihnachtskarten des Bonifatiuswerkes. Im Gespräch mit dem Bonifatiusrat berichteten die Brüder unter anderem von ihrem Engagement für syrische Flüchtlinge in Leipzig. Fremdenfeindlichkeit und Vereinzelung seien gesellschaftliche Probleme im Großen, denen sie mit ihrer Weise, den Glauben zu leben, im Kleinen etwas entgegensetzen möchten.
Im Leipziger Westen wird derzeit das Untergeschoss der Liebfrauenkirche zu einem neuen Pfarrzentrum als multifunktionaler Treffpunkt umgebaut. Die Baumaßnahme wird vom Bonifatiuswerk mit 150.000 Euro gefördert. Bei einem Besuch in der Baustelle kamen Bonifatiusrat und Vorstand ins Gespräch mit Pfarrer Andrzej Glombitza von der Pfarrei Philipp Neri. Er berichtete von einer steigenden Zahl an Jugendlichen und Erwachsenen, die sich taufen lassen. „Wir haben hier mindestens einmal pro Monat eine Erwachsenentaufe“, sagte er. Der Umbau der Unterkirche ist ein gelungenes Beispiel für das Anliegen des Bonifatiuswerkes, Orte des Gebetes und der Begegnung gerade auch dort zu fördern, wo die Mittel knapp sind und Gemeinden zusammengelegt werden. Im Gespräch mit der Gemeinde wurde auch deutlich, wie wichtig dabei das Engagement von Ehrenamtlichen und das gute Zusammenspiel aller Beteiligten sind.
Zur Informationsreise des Bonifatiusrates gehörte auch ein Besuch in der Moritzkirche in Halle (Saale). Diese soll künftig als Kunst- und Kulturkirche unter dem Namen „Ökumenisches Zentrum Moritzkirche“ etabliert werden. Im Rahmen dieses Konzepts fördert das Bonifatiuswerk hier derzeit eine Personalstelle: Die Kulturwissenschaftlerin Antje Löhr-Dittrich soll daran mitwirken, die Moritzkirche noch stärker zu einem offenen Ort für Glauben, Kultur und gesellschaftliche Begegnung zu entwickeln. „Auch für Menschen, die sonst niemals in eine Kirche gehen würden“, erklärte Antje Löhr-Dittrich. Im Gespräch mit dem Bonifatiuswerk ging es auch um die Ungleichzeitigkeiten und Spannungen, die bei solchen Experimenten entstehen können.
Katholiken leben in allen ostdeutschen Bistümern in einer zahlenmäßig extremen Diaspora. Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung im Bistum Dresden-Meißen beträgt 3,2 Prozent. Im Bistum Magdeburg sind es 3,0 Prozent. Da in Ostdeutschland als Folge der religionsfeindlichen Politik des DDR-Regimes auch Protestanten in der Minderheit sind, spricht man von einer „doppelten Diaspora“. Mehr als zwei Drittel der Menschen hier sind konfessionslos. Ostdeutschland gehört seit der Gründung des Bonifatiuswerkes im Jahr 1849 zu den Schwerpunkt-Fördergebieten in der Diaspora. Mit Hilfe von Spenderinnen und Spendern aus ganz Deutschland konnte das Bonifatiuswerk hier Projekte mit vielen Millionen fördern: über 700 Millionen D-Mark in der DDR-Zeit und umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro seit der Wiedervereinigung für Kindergärten, die beliebten Religiösen Kinderwochen, BONI-Busse, Klöster-, Gemeinde- und Kirchbauten sowie karitative Einrichtungen.
(THI)













