Seit 25 Jahren beleben Birgittinnen alte Klostertraditionen in Estlands Hauptstadt neu. Ihr Konvent ist ein Haus des Gebets und der Gastfreundschaft – und ein Ort, an dem Ökumene gelebt wird. Möglich wurde der Neubeginn an historischer Stelle auch dank der Unterstützung des Bonifatiuswerkes. Zur Jubiläumsfeier am 15. September erwarten die Schwestern Besuch von Georg Gänswein, ApostolischeR Nuntius für die baltischen Staaten.
Imposant und irgendwie surreal ragt die Fassade der Hauptkirche des ehemaligen Birgittenklosters von Tallinn über das Grün der Bäume. Nur wenige Meter daneben zeigt der Glockenturm des heutigen Klosters wie ein Finger in den Himmel. Während die als Doppelkonvent für Frauen und Männer erbaute Anlage aus dem 15. Jahrhundert bereits 1577 durch Truppen Iwans des Schrecklichen zerstört wurde, steht das heutige Birgittenkloster seit 2001 und feiert in diesem Herbst seinen 25. Geburtstag.
Rückkehr an einen geschichtsträchtigen Ort
„Jahrhundertelang gab es hier keine Birgittinnen mehr. Umso schöner, dass wir jetzt an diesem geschichtsträchtigen Ort unser Jubiläum begehen können“, sagt Schwester Gennarina Puttampura. Die 43-Jährige ist seit März 2026 Oberin der achtköpfigen Gemeinschaft des Allerheiligsten Erlösers – so heißt der einst von der heiligen Birgitta gegründete Orden offiziell. Fünf Mitschwestern kommen wie sie selbst aus Indien, zwei aus Mexiko. Untereinander sprechen sie Italienisch, weil sie alle eine Zeit im Mutterhaus in Rom verbracht haben und sich so am einfachsten verständigen können. Auch die Inderinnen haben schließlich nicht alle dieselbe Muttersprache.
Ein Haus des Gebets und der Gastfreundschaft
Ihr Kloster in Tallinn, erzählt Schwester Gennarina, sei natürlich ein Haus des Gebets: mit morgendlicher Anbetung, den üblichen Stundengebeten und regelmäßigen Gottesdiensten. Genauso ist das Ordenshaus im nordöstlichen Stadtteil Pirita – dessen Name auf die Birgitten und damit auf die Klosterruinen anspielt – aber auch ein gefragtes Gästehaus. „Das passt perfekt zu unserem Charisma der Gastfreundschaft.“
Insgesamt zwanzig Zimmer bieten die Schwestern an, die als Einzel-, Doppel- oder Dreibettzimmer genutzt werden können. „Wir heißen hier alle willkommen, ganz unabhängig von Religion oder Konfession“, erklärt Gennarina. Das entspricht auch der besonderen Sorge der Birgittinnen um die Ökumene.
Dass die Schwestern sich größtenteils über die Einnahmen aus dem Gästehaus finanzieren, macht die gute Auslastung ihrer Zimmer besonders wichtig. Vor allem im Frühjahr und Sommer sind sie rege gebucht. „Da kommen besonders viele Gäste aus Deutschland und Finnland, im Herbst und Winter eher Exerzitiengruppen und Einzelbesucher auf der Suche nach einer Auszeit“, sagt die Ordensfrau. „In der zweiten Jahreshälfte bleibt uns dann selbst mehr Zeit zur Kontemplation.“
Denn wenn viele Menschen zu Besuch sind, haben die Schwestern alle Hände voll zu tun. Zu acht stemmen sie die komplette Arbeit in Küche, Haus und Garten. Lediglich das Ehepaar, das das kleine Caritas-Büro im Konvent betreibt, hilft schon einmal beim Unkrautjäten, Rasenmähen oder Gemüseernten.
Eine grüne Oase am Ostseestrand
Besucherinnen und Besucher schätzten ihr Gästehaus als grüne Oase am Rand der estnischen Hauptstadt, so die Erfahrung der Oberin. Denn auch wenn wenige Meter vor dem Haus eine vierspurige Straße vorbeirauscht, breiten rund um das Kloster hohe Bäume ihre Kronen aus. Der Garten lädt zum Spaziergang zwischen Obst- und Gemüsebeeten ein, und am Zaun zu den Klosterruinen wächst sogar wilder Wein. Auch der Sandstrand von Pirita, Tallinns größter Badestrand, liegt nur einen Fußmarsch entfernt.
„Und weil die Ostsee bei uns im Westen liegt, haben wir oft wunderschöne Sonnenuntergänge“, schwärmt die Schwester. Gemeinsam mit den anderen Birgittinnen wandert auch Gennarina gern am Meer entlang und durch den die Küste säumenden Kiefernwald. Die Schwestern fallen mit ihrer charakteristischen Ordenstracht – vor allem mit der Krone aus weißen Leinstreifen mit roten Punkten, die die fünf Wundmale Christi am Kreuz symbolisieren, auf schwarzem Schleier – unterwegs sofort auf. Für die Menschen in der Nachbarschaft gehören sie inzwischen einfach dazu. „Sie suchen unsere Nähe, kommen uns gern besuchen.“
Das ist allein deshalb bemerkenswert, weil Estland heute zu den am stärksten säkularisierten Ländern Europas gehört. Die katholische Kirche ist mit geschätzten 10.000 Mitgliedern unter 1,3 Millionen Einwohnern eine sehr kleine Minderheit.
„Am Anfang war es für unsere Schwestern nicht leicht, hier wieder Fuß zu fassen“, sagt Gennarina. Erst 1994 kehrten die Birgittinnen nach Estland zurück – drei Jahre nach der Unabhängigkeit des nördlichsten baltischen Staates und nach jahrzehntelanger Leidensgeschichte als erzwungener Teil der Sowjetunion.
Unterstützung durch das Bonifatiuswerk
Zunächst lebten und arbeiteten die Schwestern in der Altstadt. Erst mit dem Bau des heutigen Klosters konnten sie 2001 an den historischen Ort in Pirita zurückkehren. Den Klosterneubau hat das Bonifatiuswerk mit 278.500 Euro seiner Bauhilfe gefördert. Damit wurde nicht nur ein Kloster errichtet, sondern ein Ort geschaffen, an dem katholisches Leben in einem weitgehend säkularisierten Umfeld bis heute sichtbar und erfahrbar ist.
Dass die Schwestern zu den Wurzeln zurückkehren und dem monastischen Leben direkt neben den Klosterruinen von einst neuen Atem einhauchen konnten, sei von höchster symbolischer Bedeutung gewesen, sagt Schwester Gennarina. Tag für Tag erinnert sie der Blick auf die eindrucksvollen Überreste des einstigen Klosters an diese Geschichte.
"Uns verbindet doch so viel mehr, als uns trennt"
Und längst, versichert sie, hätten sich die Menschen hier an die Schwestern gewöhnt – und zwar nicht nur die Katholiken. „In unserem Chor singen Baptisten, Lutheraner, Orthodoxe und Katholiken gemeinsam“, freut sich die Ordensfrau.
Dass sie alle in ihrer katholischen Kirche zusammenkämen, zeige doch viel: „Sie finden unsere Art, unseren Glauben zu leben, anziehend. Das sagen sie jedenfalls immer.“ Schwester Gennarina wiederum findet es anrührend, wenn sie Lutheraner vor dem Allerheiligsten niederknien oder den Rosenkranz beten sieht. „Uns verbindet doch so viel mehr, als uns trennt!“
Offene Türen für Menschen in Not
Die Schwestern leben ihre Gastfreundschaft auch, indem sie den Ärmsten der Armen helfen. So lassen sie immer wieder wohnungslose Menschen im Kloster übernachten, geben regelmäßig Essen an Bedürftige aus und haben wiederholt geflüchteten ukrainischen Familien Unterschlupf geboten. Auch Menschen mit psychischen Problemen stehen ihre Türen weit offen.
„Gerade Menschen mit Depressionen fühlen sich bei uns wohl. Sie suchen bei uns einfach ein Lächeln, ein bisschen menschliche Nähe.“ Grundsätzlich wollten sie für alle da sein, die sich vom Alltag in Beruf und Familie erschöpft fühlten, sagt Schwester Gennarina.
"Unsere Kirche wächst"
Dass ihre Gottesdienste im Kloster immer gut besucht sind, zu Ostern und Weihnachten sogar hoffnungslos überbelegt, erfüllt die Birgittinnen mit Freude. „Unsere katholische Kirche hier ist zwar winzig klein, aber sie wächst – und das schon seit Jahren“, versichert die Oberin. „Unser Bischof Philippe Jean-Charles Jourdan sagt immer, dass wir Schwestern der Motor dieser Kirche sind.“
Das habe schon Papst Franziskus gefallen, als er 2018 Estland besuchte. Er kam damals auch bei den Birgitten-Schwestern in Tallinn vorbei und ließ sich inmitten der Ordensschwestern ablichten. Die amerikanische Eiche, die Franziskus damals vor der Klosterpforte pflanzte, ist den Schwestern mittlerweile über den Kopf gewachsen.
(Hilde Regeniter/thmei)








