ZUR PERSON

Generalsekretär Msgr. Georg Austen

Generalsekretär Monsignore Georg Austen

INTERVIEW ZUR DIASPORA-AKTION 2023

"Wir brauchen Menschen, die im Geist des Evangeliums ihre Stimme erheben und handeln."

Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken, über Kraftquellen, über die Herausforderungen unserer Zeit und über den bundesweiten Diaspora-Sonntag am 19. November.


Die Diaspora-Aktion 2023 des Bonifatiuswerkes steht unter dem Leitwort: "Entdecke, wer dich stärkt." Was verbinden Sie damit?

Monsignore Austen: "Mit dem Leitwort der diesjährigen Diaspora-Aktion wollen wir die verbindenden, gemeinschaftsstiftenden und lebensbejahenden Elemente unseres Zusammenlebens in den Vordergrund stellen. Denn wir erleben gerade auch in der Arbeit des Bonifatiuswerkes, aber ebenfalls im Gespräch mit Andersdenkenden und Andersglaubenden in ökumenischer Verbundenheit, dass wir Menschen existenziell etwas brauchen, das uns stärkt. Zu selten nehmen wir uns jedoch im oft hektischen Alltag die Zeit, um diesen Kraftquellen nachzuspüren. Dabei ist es gut zu wissen, was uns an Körper, Geist und Seele stärkt – ganzheitlich für ein gelingendes Leben. Häufig sind es individuelle Dinge: Menschen in unserem engsten persönlichen Umfeld, Begleitende in den Höhen und Tiefen unseres Lebens, die vertrauensvolle Beziehung zu Gott. Ebenso die befreiende Botschaft des Evangeliums, die die Menschen in ihrer Existenz berührt. Sie kann sie stärken sowie ihnen Kraft und Orientierung geben für die vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit."

Welche Herausforderungen sind das?

Austen: "Wir erleben derzeit eine Verdichtung der Probleme. Es gibt Um- und Abbrüche, Krisen und Kriege. Populismus und Polarisierungen, die auch zu Spaltungen in politischen Bereichen, in der Gesellschaft und auch unserer Kirche führen können, bereiten mir und vielen anderen Menschen derzeit Sorge: zum Beispiel die Migrationspolitik. Menschen, die aus Elend, Konflikten, Bedrohung und Kriegen nach Europa fliehen, brauchen unsere Hilfe, unseren Respekt und unsere Unterstützung – nicht nur hier in Deutschland, sondern bereits in ihren Heimatländern. Papst Franziskus sagte ganz richtig: „Wir müssen die Leidenschaft und den Enthusiasmus wiederfinden, den Geschmack am Engagement für die Geschwisterlichkeit wiederentdecken.“ Den richtigen Rahmen für eine verantwortbare Migrationspolitik zu finden ist notwendig, sicherlich auch schwierig und benötigt auf jeden Fall eine gesamteuropäische Zusammenarbeit."

Und wo liegen die Herausforderungen in unserer Kirche?

Austen: "Mit allen notwendigen Reformbemühungen und Missbrauchsaufarbeitungen in unserer Kirche dürfen wir uns nicht nur um uns selbst drehen und Nabelschau halten. Wir müssen gleichzeitig bewährte Wege der Pastoral verlebendigen und neue Wege des Evangeliums gehen sowie in einen gegenseitig bereichernden Dialog treten – nicht zuletzt mit Menschen anderer Glaubensrichtungen oder ohne Glauben sowie mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Die Gesellschaft soll sehen und erleben, wofür wir da sind, denn die Menschen brauchen Stärkung und keine Verletzung. Wir brauchen in der Zerrissenheit der Welt eine klare Positionierung. Wir brauchen Menschen, die hinsehen und wahrnehmen, die im Geist des Evangeliums ihre Stimme erheben und handeln. Sei es, wenn es um Menschenrechte oder den Schutz des Lebens und unserer Schöpfung geht oder darum, dass Benachteiligte und Bedürftige Hilfe erfahren. Mir erscheint unsere Kirche oftmals als zu verängstigt und mit zu wenig Gottvertrauen. Viele haben Angst etwas zu verlieren, anstatt etwas zu bewegen und dabei etwas zu gewinnen, indem wir im Geist des Evangeliums die Welt gestalten. Nur der Weihrauch, der glüht, duftet."

Was kann die Glaubensgemeinschaft stärken?

Austen: "Das Glaubenszeugnis des Einzelnen und der Einzelnen stärkt – denn jeder zählt, egal wo. Eine weitere Facette ist in den nordeuropäischen Diaspora-Regionen zu beobachten. Trotz aller Schwierigkeiten, die die weiten Wege und die Vereinzelung der Gläubigen im säkularen Umfeld mit sich bringen, sind eine große Gastfreundschaft, eine Bereicherung in der Internationalität sowie Glaubens- und Gemeinschaftsstiftendes zu finden. Hier erleben die Menschen die Kirche oftmals als (neue) Heimat. Weltkirche wird in diesen Gemeinden erfahrbar und verbindet uns auch in einem tieferen Sinn. Diaspora-Regionen können Vorbild sein für neue Wege, um den Glauben lebendig zu halten: Sie zeigen uns, dass man mobil und flexibel sein muss; oder auch mit wenig finanziellen Mitteln etwas erreichen kann. Man kann die Diaspora-Situation nicht glorifizieren, aber sie zeigt uns: In der Minderheit zu sein muss einen nicht davon abhalten, eine lebendige Kirche zu sein. Das ist eine wichtige Botschaft gerade in diesen Zeiten des Umbruchs."

Wer oder was stärkt Sie persönlich?

Austen: "„Wer“ mich stärkt, sind Menschen, denen ich vertrauen kann. Die ehrlich und authentisch sind, wo ich auch mit meinen Lebensbrüchen und meinen Fragen landen kann. Die mir zur Seite stehen, wenn ich sie brauche. „Was“ mich stärkt, ist das Gebet und meine Zuversicht im Glauben: Dass es einen Gott gibt, der mich in allen Höhen und Tiefen des Lebens trägt. Ein Gott, der mir zusagt: am Ende wird alles gut. Mich stärkt auch, wenn ich Menschen begegne, denen der andere nicht gleichgültig ist und die einen Gemeinschaftssinn haben; die die Not des Nächsten sehen und versuchen, diese zu lindern. Es gibt zahlreiche hauptberuflich und ehrenamtlich Tätige, die sich Tag für Tag an unzähligen Orten – oft bis an die Grenzen ihrer Kräfte – für die befreiende Botschaft des Evangeliums und die ihnen anvertrauten Menschen einsetzen. Ich denke auch an die Projektpartnerinnen und -partner des Bonifatiuswerkes, die aller personellen, infrastrukturellen und finanziellen Schwierigkeiten zum Trotz die Kirche vor Ort offen, einladend und lebendig gestalten. Ich muss dabei auch gestehen, dass die Skandale und die Geschehnisse, wo Menschen unserer Kirche schuldig geworden sind, das Evangelium verdunkelten, mich nüchterner gemacht haben und viel positive Energie rauben. Jedoch baut es mich auf, mit Menschen nicht allein, sondern gemeinsam auf einem Weg zu sein – mit der Freude aber auch in persönlichen Krisen und sonstigen Turbulenzen des Lebens."

Was ist das Beispielprojekt der Diaspora-Aktion in diesem Jahr? Und was ist das Besondere an ihm?

Austen: "In Zeiten steigender Mieten, teurer Lebensmittel und hoher Energiepreise fehlt vielen Menschen oftmals das Geld für das Nötigste – unter anderem für eine warme Mahlzeit. Daher unterstützen wir in diesem Jahr beispielhaft die Berliner Aktion „Essen ist fertig!“. Bedürftige Menschen finden in der Kirchengemeinde St. Christophorus in Neukölln jedoch nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch Gesprächspartner. Lissy Eichert – Vorstandsvorsitzende des Trägervereins Pallotti-Mobil – beschreibt es auch als „den Hunger der Seele stillen“. Tag für Tag hilft ein großes ehrenamtliches Team dabei, frisch zu kochen und den Menschen wenigstens eine Sorge abnehmen zu können. Dabei lassen sie sich auch nicht von Herausforderungen entmutigen: Als in der Corona-Zeit die Suppenküche schließen musste, haben die Ehrenamtlichen in Neukölln weitergekocht – die Speisen gab es dann in einer Holzbude im Kirchgarten zum Abholen. Diese Begeisterung für eine wohltätige Sache, diese Flexibilität und das gesamte Engagement hat Vorbildcharakter."

Das Interview führte Simon Helmers.

Interview zur Diaspora-Aktion 2023

Interview zur Erstkommunion 2023

Predigt Radiogottesdienst aus Wechselburg 2023

Interview zur Firmung 2022

 

ZUR VITA

Werdegang von Msgr. Georg Austen

Download Langversion (PDF)           Download Kurzversion (PDF)


Georg Austen wuchs in Brenken, einem Ortsteil der ostwestfälischen Stadt Büren, auf. Nach seinem Abitur im Jahr 1978 am Mauritius Gymnasium in Büren studierte er Katholische Theologie in Paderborn und München. Anschließend absolvierte er in den Jahren 1985 und 1986 sein Diakonat in der Gemeinde St. Johannes Baptist und in der Justizvollzugsanstalt in Herford. Am 16. Mai 1986 empfing er in Paderborn das Sakrament der Priesterweihe. Anschließend war er als Vikar in der Pfarrei St. Marien in Fröndenberg, als Pfarradministrator in der Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Siddinghausen und in der Kirchengemeinde St. Michael in Weine eingesetzt.

Zudem war er Diözesanpräses der Katholischen Landjugendbewegung und von 1996 bis 2002 Diözesanseelsorger des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Paderborn sowie Studentenpfarrer und Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Paderborn.

Als Sekretär des XX. Weltjugendtages der Deutschen Bischofskonferenz in Köln war Austen in den Jahren 2002 bis Juli 2006 maßgeblich an der Vorbereitung des katholischen Großereignisses im Jahr 2005 beteiligt. Er verantwortete die pastorale Vor- und Nachbereitung des Weltjugendtages, die Tage der Begegnung mit dem Tag des sozialen Engagements in allen deutschen (Erz-)Bistümern, das Kultur- und Jugendfestival beim Weltjugendtag in Köln sowie den Pilgerweg des Weltjugendtagskreuzes durch Europa und Deutschland.

Im Anschluss an den XX. Weltjugendtag verbrachte Austen für persönliche Fortbildungen einige Monate in New York City und in Schweden. Nach seiner Rückkehr wurde er im selben Jahr Geschäftsführer der Steuerungsgruppe "Perspektive 2014" im Erzbistum Paderborn.

Seit März 2008 ist Georg Austen Generalsekretär und Hauptgeschäftsführer des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken sowie Geschäftsführer des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe/Diasporahilfe der Priester. Seine zweite Amtszeit begann am 1. März 2014. Im Jahr 2019 wurde Austen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Die dritte Amtszeit begann am 1. März 2020. 

Im Mai 2008 ernannte Papst Papst Benedikt XVI. Austen zum päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore) und berief ihn im Dezember 2011 ins Konsultoren-Kollegium des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Austen ist Berater in der Unterkommission für Missionsfragen der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Mitglied in der Konferenz Weltkirche sowie im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Austen engagiert sich für den Dialog und die solidarische Zusammenarbeit in der Weltkirche sowie für Randgruppen, beispielsweise in der Gefängnisarbeit, und setzt sich für junge Menschen ein. Hierfür gründete er 2011 die „Georg Austen Stiftung Solidarität“ mit der Zielsetzung Werte zu vermitteln, den Glauben zu entdecken und die Persönlichkeit zu fördern. Durch entsprechende Projektförderung soll Kindern und Jugendlichen geholfen werden, ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken, Lebenskrisen zu überwinden, den Sinn für solidarisches Handeln zu fördern und nicht zuletzt, eine Orientierung und Zuversicht aus dem christlichen Glauben zu erfahren.

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit ernannte Papst Franziskus am 10. Februar 2016 Austen zum "Missionar der Barmherzigkeit".

Austen ist es ein wichtiges Anliegen – in Kooperation mit nationalen und internationalen Künstlern und Veranstaltern von Großereignissen – Berührungspunkte mit Themen der Kunst, der Kultur und der Kirche zu schaffen, um so auch einen Dialog mit Andersdenkenden und -glaubenden anzuregen. So konnten bereits bundesweite Konzertreihen, Benefizveranstaltungen, Buchprojekte und Kunstausstellungen organisiert werden. Die Erlöse kommen sozial-caritativen Projekten zugute. In den Jahren 2017 und 2018 konnten zwei Kunstausstellungen unter dem Titel "Udos 10 Gebote" mit Bildern des Sängers Udo Lindenberg in der Gaukirche in Paderborn und in der Überwasserkirche in Münster realisiert werden. In Kooperation mit Michael Patrick Kelly kam es zu zwei Konzertreihen ("Agape-Tour" im Jahr 2012 und "Ruah-Tour" im Jahr 2016) durch mehrere Kirchen und Dome im deutschsprachigen Raum. Außerdem gab es im Jahr 2022 eine gemeinsame Ausstellung vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken und Michael Patrick Kelly in der Paderborner Gaukirche. Gezeigt wurden die Friedensglocke #Peacebell, die Kelly aus Kriegsschrott geschmiedet hat sowie Fotografien und gemalte Bilder. Im Zuge der Nikolausaktion des Bonifatiuswerkes unter dem Titel "Weihnachtsmannfreien Zone" gibt es seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Sängerin Maite Kelly. Zu weiteren Kooperationen kam es unter anderem mit der Sängerin Kathy Kelly, dem Tenor Juan del Bosco und der Gospelsängerin Carla A. Harris aus New York, der Sängerin Judy Bailey, der Straßenmusikerin Simone Oberstein und der Rügener Künstlerin Sylvia Vandermeer.

Im April 2023 berief ihn Papst Franziskus als Konsultor (Berater) in das neugegründete Dikasterium für die Evangelisierung in der römischen Kurie, wo Georg Austen in der Abteilung für Grundfragen der Evangelisierung in der Welt tätig werden soll.

 

KURZ NACHGEFRAGT

bei Monsignore Georg Austen

Als Generalsekretär des Bonifatiuswerkes ist es mein Anliegen …

… gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu beizutragen, Gott in der Welt einen Ort zu sichern und dem Glauben an ihn Räume zu öffnen. Denn: Keiner soll alleine glauben.
 

Unter "Diaspora" verstehe ich …

… eine Kirche von innen für draußen, eine Kirche die alle Christinnen und Christen – egal wo – in den Blick nimmt, damit sie auskunfts- und dialogfähig gegenüber Andersdenkenden und –glaubenden sind.
 

Missionare des 21. Jahrhunderts – das sind für mich …

… Menschen, die aus dem christlichen Geist heraus heraus die Welt aktiv mitgestalten und für ihre Überzeugungen einstehen, aber auch Grenzgänger und Wegbereiter sind.
 

Wenn ich an die Kirche von morgen denke, dann …

… hoffe ich, dass bei allen Veränderungen und Strukturfragen immer die Pastoral und die Sorge um die Menschen im Vordergrund stehen und damit die Botschaft Jesu als „Frohe Botschaft“ erfahren wird. Eine Kirche die als Weltkirche denkt und sich für die Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Menschenwürde wie für den Frieden einsetzt.
 

Meine liebste Bibelstelle lautet…
 

… „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17).
 

Eigenschaften, die ich besonders schätze, sind…
 

…Verlässlichkeit und Ehrlichkeit.
 

Sprachlos machen mich…

… Kleingläubigkeit, Unflexibilität und Situationen, die erdrückend und belastend für Menschen sind und die auf den ersten Blick nicht verändert werden können.
 

Ich könnte nicht leben ohne…

… Beziehungen zu lieben Menschen und ohne eine Orientierung aus dem Glauben für mein Leben.