ZUR PERSON

Generalsekretär Msgr. Georg Austen

Generalsekretär Monsignore Georg Austen

INTERVIEW ZUR DIASPORA-AKTION 2022

„Mit DIR zum WIR.“ – Gemeinsam statt einsam Kirche gestalten

Dass Kirche mehr kann als negative Schlagzeilen zu schreiben, zeigt der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken, Monsignore Georg Austen, anlässlich der diesjährigen Diaspora-Aktion des Hilfswerkes. Er spricht über mutmachende Projekte, eine sich verändernde Diaspora-Situation und über den bundesweiten Diaspora-Sonntag am 20. November.


Neben aktuellen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen zeichnen sich auch immer wieder die Krisen der Kirche ab. Wie kann diesem Gefühl der Zerrissenheit begegnet werden?

Monsignore Austen: "Mit Blick auf die vielen verschiedenen Herausforderungen und Krisen dieser Zeit ist nicht selten ein gewisses Gefühl der Ohnmacht zu verspüren, das die existierenden Lichtblicke zu überschatten droht, durch die der Glaube den Menschen in den Unsicherheiten unserer Tage Kraft zum Leben gibt. Als Christinnen und Christen sollten wir jedoch auch auskunfts- und sprachfähig über die Inhalte und die Zuversicht unseres Glaubens sein und bleiben. Dafür ist es unabdingbar, dass strukturelle Fragen in den unbedingt notwendigen Veränderungsprozessen in einer manchmal regungslos wirkenden Kirche nicht über dem aufrichtigen und heute erforderlichen caritativen Handeln und den vertrauensvollen Beziehungen zu den Lebenswelten der Menschen stehen."

Das Bonifatiuswerk ist ein Hilfswerk für den Glauben. Wie reagiert es auf die sich verändernde Diaspora-Situation?

Austen: "Wir sehen nicht nur eine zahlenmäßige Diaspora, sondern auch eine Glaubensdiaspora in traditionell katholisch geprägten Gebieten. Daher intensivieren wir auch die ökumenische Verbundenheit in Regionen, in denen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung keiner christlichen Konfession angehören. Die Diaspora-Situation kann weder glorifiziert werden, noch ist sie ein Schreckgespenst. In diese Situation sind wir berufen, selbstbewusst, in Zuversicht und mit Freude am Glauben, wie der heilige Bonifatius, die Frohe Botschaft zeitgerecht und durch unser Handeln in die Welt zu bringen, die an vielen Ecken brennt!"

Wo finden wir solche mutmachenden Beispiele, die neue und zeitgerechte Wege einschlagen?

Austen: "Wir unterstützen beispielsweise innovative und kreative Projekte mit dem bundesweiten Förderprogramm „Räume des Glaubens eröffnen“ in ganz Deutschland. Dort sehen wir, wie Menschen auf beeindruckende Weise versuchen, die konkrete Lebenswelt von heute mit dem Evangelium zusammenzubringen. Auch missionarische Personalstellen werden von uns gefördert und wir ermöglichen jungen Menschen mit unserem „Praktikum im Norden“ eine besondere Zeit in Nordeuropa und dem Baltikum. Sie arbeiten in kirchlichen Institutionen mit und lernen die unterschiedlichen Gesichter unserer Kirche kennen.
Den „Bonifatiuspreis für missionarisches Handeln in Deutschland“ haben wir dieses Jahr zum siebten Mal ausgeschrieben. Aus 26 (Erz-)Diözesen haben wir insgesamt 187 Bewerbungen von engagierten Menschen, Initiativen und Gemeinden erhalten, die unter dem Leitwort „Mut machen. Neue Wege gehen!“ zeigen, wie sie zum Entdecker, Wegbegleiter und Mutmacher werden, um die Botschaft des Evangeliums zeitgerecht weiterzutragen. Nicht zu vergessen, die caritativen Projekte, die beispielsweise auch geflüchtete Kinder und Frauen aus der Ukraine unterstützen.
Während unserer Diaspora-Aktionseröffnung am ersten Novemberwochenende in Speyer werden wir die Preisträger auszeichnen."

Was möchte das Bonifatiuswerk mit seinem Leitwort zur diesjährigen Diaspora-Aktion „Mit DIR zum WIR.“ zum Ausdruck bringen?

Austen: "Wie wichtig es ist, Gemeinschaft zu erleben, führt uns die Corona-Pandemie eindrücklich vor Augen. Der Mensch ist und bleibt ein Beziehungswesen. Ohne ein lebendiges Miteinander, ohne eine verlässliche Gemeinschaft ist auch die Weitergabe unseres Glaubens an zukünftige Generationen in Gefahr. Der christliche Glaube an Gott lebt von Menschen, die sich gegenseitig bestärken, den Glauben feiern, Zweifel miteinander teilen und Beziehungen aufbauen sowie im christlichen Geist die Welt gestalten und anpacken. Das WIR ist der Markenkern unseres Glaubens, die Beziehung zueinander und zu Christus. Das Leitwort unserer diesjährigen Diaspora-Aktion „Mit DIR zum WIR.“ erinnert an diese wertvolle Bedeutung christlicher Gemeinschaft und will dazu ermutigen, sie (neu) schätzen zu lernen. Gleichzeitig soll die Willkommenskultur in unseren Gemeinden gestärkt werden, die alle Menschen ohne Vorurteile und Diskriminierung in das große WIR einbezieht. „Mit DIR zum WIR.“ – also gemeinsam statt einsam. Gerade in der Diaspora kommt es – auch über die Kirchenmauern hinaus – auf jeden Einzelnen an."

Welche Projekte werden mit der Diaspora-Aktion unterstützt?

Austen: "Dank unserer Spenderinnen und Spender können wir jährlich hunderte von Projekten in Deutschland, Nordeuropa und dem Baltikum mit unseren verschiedenen Hilfsarten, der Bau-, Verkehrs-, Glaubens- und Kinder- und Jugendhilfe unterstützen. Die Solidarität ist in diesen Tagen in vielen Bereichen gefragt. Zum Beispiel kommen die Spenden geflüchteten ukrainischen Kindern zugute, die im Christian-Schreiber-Haus bei Berlin untergebracht sind und von der katholischen Jugendhilfeeinrichtung Manege betreut werden. Die Mitarbeitenden sind für die oftmals traumatisierten Kinder da, trösten sie und hören ihnen zu. Es ist ein Ort, an dem christliche Nächstenliebe konkret erfahrbar wird. Auch die Gemeinde St. Eugenia in Stockholm haben wir im Blick. Eine stets wachsende internationale (Migranten-)Gemeinde, für die das Kirchengebäude nicht mehr ausreicht, sodass ein Anbau nötig wird, damit die verschiedenen Bildungsangebote weiterhin ermöglicht werden können und Glaube lebendig weitergetragen werden kann."

Der Diaspora-Sonntag – welches Zeichen kann von diesem Tag auch für weltkirchliche Belange ausgehen?

Austen: "Es soll deutlich werden, dass die Weltkirche in ihrer Vielfältigkeit die Nöte dieser Tage wahrnehmen, zusammenrücken und ein starkes Zeichen der Gemeinschaft im Handeln und gegenseitigem Respekt setzen kann, gerade auch mit Menschen, die in einer großen Vereinzelung oder in kleinen Gemeinden leben. Es ist wichtig für uns alle, dass wir entdecken, dass uns der Glaube eine Kraft geben kann, diese unzweifelhaft an viele Stellen „brennende“ Welt zu gestalten. Die Menschen in der Diaspora sollen merken, dass sie nicht allein sind und auch Menschen aus Deutschland da sind, die in verlässlicher Tradition helfen. So wünsche ich mir, dass uns möglichst viele Menschen am bundesweiten Diaspora-Sonntag ihre Solidarität zeigen und wir als Hilfswerk für den Glauben auch weiterhin den Menschen in Diaspora-Regionen finanziell, ideell und in der Gebetsgemeinschaft als Partner zur Seite stehen können."
 

Radiointerview zur DIASPORA-AKTION 2022

Interview zur Firmaktion 2022

Interview zur Erstkommunionaktion 2022

ZUR VITA

Werdegang von Msgr. Georg Austen

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Georg Austen wuchs in Brenken, einem Ortsteil der ostwestfälischen Stadt Büren, auf. Nach seinem Abitur im Jahr 1978 am Mauritius Gymnasium in Büren studierte er Katholische Theologie in Paderborn und München. Anschließend absolvierte er in den Jahren 1985 und 1986 sein Diakonat in der Gemeinde St. Johannes Baptist und in der Justizvollzugsanstalt in Herford. Am 16. Mai 1986 empfing er in Paderborn das Sakrament der Priesterweihe. Anschließend war er als Vikar in der Pfarrei St. Marien in Fröndenberg, als Pfarradministrator in der Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Siddinghausen und in der Kirchengemeinde St. Michael in Weine eingesetzt.

Zudem war er Diözesanpräses der Katholischen Landjugendbewegung und von 1996 bis 2002 Diözesanseelsorger des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Paderborn sowie Studentenpfarrer und Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Paderborn.

Als Sekretär des XX. Weltjugendtages der Deutschen Bischofskonferenz in Köln war Austen in den Jahren 2002 bis Juli 2006 maßgeblich an der Vorbereitung des katholischen Großereignisses im Jahr 2005 beteiligt. Er verantwortete die pastorale Vor- und Nachbereitung des Weltjugendtages, die Tage der Begegnung mit dem Tag des sozialen Engagements in allen deutschen (Erz-)Bistümern, das Kultur- und Jugendfestival beim Weltjugendtag in Köln sowie den Pilgerweg des Weltjugendtagskreuzes durch Europa und Deutschland.

Im Anschluss an den XX. Weltjugendtag verbrachte Austen für persönliche Fortbildungen einige Monate in New York City und in Schweden. Nach seiner Rückkehr wurde er im selben Jahr Geschäftsführer der Steuerungsgruppe "Perspektive 2014" im Erzbistum Paderborn.

Seit März 2008 ist Georg Austen Generalsekretär und Hauptgeschäftsführer des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken sowie Geschäftsführer des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe/Diasporahilfe der Priester. Seine zweite Amtszeit begann am 1. März 2014. Im Jahr 2019 wurde Austen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt. Die dritte Amtszeit begann am 1. März 2020. 

Im Mai 2008 ernannte Papst Papst Benedikt XVI. Austen zum päpstlichen Ehrenkaplan (Monsignore) und berief ihn im Dezember 2011 ins Konsultoren-Kollegium des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung. Austen ist Berater in der Unterkommission für Missionsfragen der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Mitglied in der Konferenz Weltkirche sowie im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Austen engagiert sich für den Dialog und die solidarische Zusammenarbeit in der Weltkirche sowie für Randgruppen, beispielsweise in der Gefängnisarbeit, und setzt sich für junge Menschen ein. Hierfür gründete er 2011 die „Georg Austen Stiftung Solidarität“ mit der Zielsetzung Werte zu vermitteln, den Glauben zu entdecken und die Persönlichkeit zu fördern. Durch entsprechende Projektförderung soll Kindern und Jugendlichen geholfen werden, ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken, Lebenskrisen zu überwinden, den Sinn für solidarisches Handeln zu fördern und nicht zuletzt, eine Orientierung und Zuversicht aus dem christlichen Glauben zu erfahren.

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit ernannte Papst Franziskus am 10. Februar 2016 Austen zum "Missionar der Barmherzigkeit".

Austen ist es ein wichtiges Anliegen – in Kooperation mit nationalen und internationalen Künstlern und Veranstaltern von Großereignissen – Berührungspunkte mit Themen der Kunst, der Kultur und der Kirche zu schaffen, um so auch einen Dialog mit Andersdenkenden und -glaubenden anzuregen. So konnten bereits bundesweite Konzertreihen, Benefizveranstaltungen, Buchprojekte und Kunstausstellungen organisiert werden. Die Erlöse kommen sozial-caritativen Projekten zugute. In den Jahren 2017 und 2018 konnten zwei Kunstausstellungen unter dem Titel "Udos 10 Gebote" mit Bildern des Sängers Udo Lindenberg in der Gaukirche in Paderborn und in der Überwasserkirche in Münster realisiert werden. In Kooperation mit Michael Patrick Kelly kam es zu zwei Konzertreihen ("Agape-Tour" im Jahr 2012 und "Ruah-Tour" im Jahr 2016) durch mehrere Kirchen und Dome im deutschsprachigen Raum. Im Zuge der Nikolausaktion des Bonifatiuswerkes unter dem Titel "Weihnachtsmannfreien Zone" gibt es seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Sängerin Maite Kelly. Zu weiteren Kooperationen kam es unter anderem mit der Sängerin Kathy Kelly, dem Tenor Juan del Bosco und der Gospelsängerin Carla A. Harris aus New York, der Sängerin Judy Bailey, der Straßenmusikerin Simone Oberstein und der Rügener Künstlerin Sylvia Vandermeer.

KURZ NACHGEFRAGT

bei Monsignore Georg Austen

Als Generalsekretär des Bonifatiuswerkes ist es mein Anliegen …

… gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu beizutragen, Gott in der Welt einen Ort zu sichern und dem Glauben an ihn Räume zu öffnen. Denn: Keiner soll alleine glauben.
 

Unter "Diaspora" verstehe ich …

… eine Kirche von innen für draußen, eine Kirche die alle Christinnen und Christen – egal wo – in den Blick nimmt, damit sie auskunfts- und dialogfähig gegenüber Andersdenkenden und –glaubenden sind.
 

Missionare des 21. Jahrhunderts – das sind für mich …

… Menschen, die aus dem christlichen Geist heraus heraus die Welt aktiv mitgestalten und für ihre Überzeugungen einstehen, aber auch Grenzgänger und Wegbereiter sind.
 

Wenn ich an die Kirche von morgen denke, dann …

… hoffe ich, dass bei allen Veränderungen und Strukturfragen immer die Pastoral und die Sorge um die Menschen im Vordergrund stehen und damit die Botschaft Jesu als „Frohe Botschaft“ erfahren wird. Eine Kirche die als Weltkirche denkt und sich für die Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Menschenwürde wie für den Frieden einsetzt.
 

Meine liebste Bibelstelle lautet…
 

… „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17).
 

Eigenschaften, die ich besonders schätze, sind…
 

…Verlässlichkeit und Ehrlichkeit.
 

Sprachlos machen mich…

… Kleingläubigkeit, Unflexibilität und Situationen, die erdrückend und belastend für Menschen sind und die auf den ersten Blick nicht verändert werden können.
 

Ich könnte nicht leben ohne…

… Beziehungen zu lieben Menschen und ohne eine Orientierung aus dem Glauben für mein Leben.