BEAUFTRAGTE DER KATHOLISCHEN KIRCHE FÜR EUROPÄISCHE KULTURHAUPTSTADT CHEMNITZ ZU BESUCH

Das Ungesehene sichtbar gemacht

Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen (links) und Julian Heese (rechts), Leiter des Bereichs Diakonische und missionarische Pastoral im Bonifatiuswerk, begrüßen die Gäste aus Chemnitz: die Personalstelleninhaberin Dr. Ulrike Lynn und Propst Benno Schäffel, leitender Pfarrer der katholischen Pfarrei Heilige Mutter Teresa in Chemnitz, an die die Projektstelle angebunden ist. (Foto: Matthias Band)
Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen (links) und Julian Heese (rechts), Leiter des Bereichs Diakonische und missionarische Pastoral im Bonifatiuswerk, begrüßen die Gäste aus Chemnitz: die Personalstelleninhaberin Dr. Ulrike Lynn und Propst Benno Schäffel, leitender Pfarrer der katholischen Pfarrei Heilige Mutter Teresa in Chemnitz, an die die Projektstelle angebunden ist. (Foto: Matthias Band)

17.06.2026

Wie kann Kirche in gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten sichtbar werden? Dieser Frage ist Dr. Ulrike Lynn als Beauftragte der katholischen Kirche für die Europäische Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 in den vergangenen drei Jahren nachgegangen. Am Mittwoch war sie im Bonifatiuswerk zum Abschlussgespräch zu Gast und berichtete von ihren Erfahrungen. Ihre Personalstelle wurde zwei Jahre lang über die Glaubenshilfe des Bonifatiuswerkes mit 55.000 Euro gefördert und im Anschluss vom Bistum Dresden-Meißen weiterfinanziert.

Das Projekt war in Zusammenarbeit mit der evangelischen Landeskirche, dem Verbund der Freikirchen und der jüdischen Gemeinde in Chemnitz realisiert worden, um in ökumenischer Verbundenheit die Diskurse der Stadt aus christlicher Perspektive nachhaltig mitzugestalten. 
Von Beginn begleitete Lynn die Prozesse und Entwicklungen in Chemnitz rund um die Bewerbung zur Kulturhauptstadt im Jahr 2025, in dem mehr als tausend Veranstaltungen etwa 2 Millionen Menschen in die sächsische Stadt lockten.
 

Achtsamkeit und Wertschätzung im Miteinander

Mit Hilfe der Personalstelle wurden verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Bereiche in den Blick genommen: So hatte die Region rund um Chemnitz beispielsweise kein gutes Image. “Jedoch sehr viele stärkende Kraftorte”, wie Lynn erläutert. Der christliche Ansatz der Achtsamkeit und Wertschätzung sollte nicht nur im Stadtgeschehen, sondern vor allem im Miteinander unter den Menschen erfahrbar werden. Es sei darum gegangen, „in Anlehnung an das Motto der Kulturhauptstadt ‚C the unseen‘ das Ungesehene aufzuzeigen und sich damit in Begegnung zu bringen, nicht zuletzt mit Christus, der sichtbar gemacht werden will", sagt die 46-Jährige.

Auch Exkursionen wurden ins Leben gerufen, bei denen Orte und Menschen besucht wurden, die sonst im Stadtbild oder in der Gesellschaft nicht wahrgenommen würden. Diese Form des Zeigens und Erkennens sei Teil einer Sehschule gewesen, in der neue Perspektiven zum Ausdruck kommen sollten. Ein weiteres zukunftsweisendes Beispiel war laut Lynn die bewusste Verlagerung liturgischer und spiritueller Angebote in den öffentlichen Raum. So wurden etwa Segensfeiern, Kunstinterventionen und Tischgemeinschaften auf Marktplätzen, in leerstehenden Läden und an ungewöhnlichen Orten gefeiert. Diese „Orte ohne Schwelle“ ermöglichten es, dass Menschen – auch ohne kirchliche Vorerfahrung – spirituelle Erfahrungen machen und Gemeinschaft erleben könnten. Kirche werde so zu einer offenen Gastgeberin mitten in der Stadt.
 

Innovative Formen kirchlicher Präsenz

In Chemnitz entfalteten sich Lynn zufolge auch innovative Formen kirchlicher Präsenz, die für die gesamte Kirche zukunftsweisend sein können. Als Beispiel führt die Personalstelleninhaberin die Kulturkirche 2025 an. Im Zuge der Kulturhauptstadt-Vorbereitungen und -Planungen entwickelte sich ein ökumenisches Netzwerk, das verschiedene christliche Gemeinschaften, Freikirchen und Initiativen zusammenführte. Ohne große Programme, aber mit viel gegenseitigem Vertrauen und Offenheit, wurden neue Räume für Begegnung, Gebet und soziale Projekte geschaffen. Die Kulturkirche 2025 sei kein Gebäude, sondern eine Haltung gewesen: Kirche als Herzraum, in dem Menschen sich begegnen, Fragen stellen und gemeinsam nach Sinn suchen – unabhängig von Konfession oder religiöser Sozialisation. Es seien auch Menschen angesprochen worden, die sonst nicht mehr in die Kirche gingen. “Wir als Bonifatiuswerk freuen uns, dass wir mit unserer Personalstellenförderung dazu beitragen konnten, dass Kirche sich in Chemnitz, also mitten in der Diaspora, als gesellschaftlicher Player mit echtem Mehrwert für die Menschen im Zuge des Großprojektes Kulturhauptstadt Europa 2025 unter Beweis stellen konnte”, sagt Bonifatiuswerk-Generalsekretär Monsignore Georg Austen.

Ulrike Lynn ist 1980 in Erfurt geboren. Sie ist promovierte Linguistin und Semiotikerin. Nach ihrem Studium der Neueren deutschen Philologie und Philosophie an der Technischen Universität Berlin und einer Promotion zur Gestenforschung arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Chemnitz im Bereich Sprachwissenschaft. Von 2017 bis 2023 war sie Lehrerin und Kreativitätspädagogin, parallel studierte sie Theologie. Seitdem ist sie die Beauftragte der Katholischen Kirche für die Europäische Kulturhauptstadt Chemnitz. Es ist die erste Stadt in Sachsen, die zur Europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde. Der Titel wird seit 1985 von der Europäischen Union vergeben. Bislang wurden damit in Deutschland Essen (2010), Weimar (1999) und West-Berlin (1988) ausgezeichnet. 2025 war neben Chemnitz das slowenisch-italienische Nova Gorica/Gorizia Europas Kulturhauptstadt. Europäische Kulturhauptstädte des Jahres 2026 sind Oulu in Finnland und Trenčín in der Slowakei.
 

Neues Buch von Dr. Ulrike Lynn erschienen

Anfang dieses Jahres ist ein Buch von ihr mit dem Titel “Und siehe, ich bin da – Kirche als geistliche Präsenz im säkularen Raum” im Bonifatius-Verlag erschienen. Darin geht es um die Zukunft der Kirche in einer säkularen Gesellschaft. Das Buch basiert auf ihren Erfahrungen als Beauftragte der Katholischen Kirche für die Europäische Kulturhauptstadt Chemnitz. Lynn entwickelt darin eine Vision von Kirche, die nicht durch Institution, sondern durch eine Präsenz der Menschen im Alltag überzeugen will. Die Autorin beschreibt Kirche als eine Haltung des offenen, hörenden und verlässlichen Daseins – mitten unter Menschen, die sich oft keiner Institution mehr zugehörig fühlten. Im Zentrum steht die “geistliche Praxis des Sehens”: das Wahrnehmen des Verborgenen, das Erkennen von Hoffnung im Bruch, von Gemeinschaft im Alltag und von Gottes Gegenwart im Unspektakulären. Als Autorin hatte Ulrike Lynn bereits einen Lyrikband veröffentlicht.

Lesen Sie hier den Abschlussbericht von Dr. Ulrike Lynn: zum Bericht

(bam)